Frau

Dirigieren im Duett

von Peter Bollag

Die Erwartungen an die beiden sind groß. Vor zwei Wochen wurde die Unternehmerin Shella Kertész (61) zusammen mit dem Finanzberater André Bollag (54) an die Spitze der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gewählt, der größten jüdischen Gemeinde der Schweiz. Im Vorfeld der entscheidenden Gemeindeversammlung am 12. November hatte es auch kritische Stimmen gegenüber der Idee einer geteilten Präsidentschaft gegeben – zu neu und ungewohnt sei sie hierzulande noch. Doch von Anfang an hatte Shella Kertész klar gemacht, dass sie ausschließlich für eine solche Lösung zu haben sei. »Ansonsten wäre der Aufwand für mich zu groß und schlicht nicht zu bewältigen«, sagt sie. »Außerdem bedeutet ein Co-Präsidium auch doppeltes Know-how.«
Offenbar überzeugte diese Lösung die Mehrheit der Gemeindemitglieder. Das Wahlergebnis jedenfalls ist eindeutig: 277 Gemeindemitglieder stimmten für das Co-Präsidium Kertész/Bollag, 59 votierten dagegen, und 58 enthielten sich der Stimme.
Das Duo tritt Anfang 2008 die Nachfolge von Harry Berg an, der sechs Jahre lang der ICZ vorstand. Ein kleiner Schönheitsfehler ist wohl, dass nachträglich noch zwei Statuten geändert werden müssen, damit das Co-Präsidium in Kraft treten kann. Eine weitere Generalversammlung soll diesen juristischen Schritt am 3. Dezember vollziehen.
Kreative Lösungen zu finden, das ist für Shella Kertész Alltag: Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie seit 1969 die Kertész Kabel AG. Das Familienunternehmen hat für seine Verdienste bei der Integration der dort arbeitenden Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und Religionen vor einigen Jahren einen Preis bekommen.
Eigentlich wäre Kertész, die in Rumänien geboren wurde und erst als 19-Jährige zusammen mit ihrer Familie in die Schweiz kam, gerne Kinderärztin geworden. Aber in der Flüchtlingsfamilie war dies kein Thema. Sie sollte schnell mitverdienen und damit die Eltern entlasten.
Neben ihrer Arbeit in der Kabelfirma hat sich die Mutter zweier Söhne, die inzwischen auch Großmutter ist, immer auch in der Gemeinde engagiert, vor allem bei der Frauenorganisation WIZO, deren Ehrenpräsidentin sie seit einigen Jahren ist. Die Gemeinde sei ihr immer auch ein Stück Heimat gewesen. »Ich wusste von Anfang an, wo mein Platz ist«, sagt sie.
Shella Kertész kennt die großen Erwartungen der Mitgleider an das, was eine jüdische Gemeinde anzubieten habe. »Wir müssen aufpassen, dass wir bei allen berechtigten Anliegen der Jüngeren – etwa Krippenplätze für berufstätige Familien – auch unsere ältere Generation nicht vergessen.« Dies umfasse sowohl Pflege und Betreuung als auch die spirituelle Ebene, denn die höhere Lebenserwartung bedeute auch, dass die älteren Mitglieder länger am Gemeindeleben teilnehmen könnten. Dabei muss die ICZ auch versuchen, nach außen attraktiv zu bleiben – kein einfaches Unterfangen. Denn Chabad Lubawitsch ist auch in Zürich sehr aktiv, und seit einigen Jahren gibt es mit der moderat religiösen und zionistisch ausgerichteten Gemeinde »Tiferet Israel« neben den traditionellen Konkurrenzgemeinden rechts und links noch eine weitere Gruppierung, die prinzipiell mit ihren Angeboten auch auf ICZ-Mitglieder zielt.
Shella Kertész ist deshalb froh, mit dem aus dem religiös-traditionellen Milieu stammenden André Bollag jemanden an der Seite zu haben, der dieses Themenspektrum abdecken und gut mit dem Rabbinat zusammenarbeiten kann. Insofern war es für Shella Kertész klar, die geteilte Zürcher Lösung mit einem Mann und nicht etwa mit einer weiteren Frau anzustreben. »Ich fühle mich als Frau deshalb trotzdem nicht als Exotin«, betont sie. Im Übrigen gibt es im neuen auf fünf Mitglieder verkleinerten Vorstand noch eine weitere Frau.
Über das Kräfteverhältnis zwischen Frauen und Männern dürfte es in nächster Zeit weniger zu reden geben als über die neue Struktur der Gemeinde, die vor der Wahl in einer Versammlung angenommen worden war: Viele der Sachgeschäfte werden an Kommissionen ausgelagert, der neue ICZ-Vorstand soll vor allem Wesentliches behandeln. Für Shella Kertész ein gewichtiges Argument.

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