Rimonim

Dieser Apfel ist eine Granate

von Sabine Brandes

Daß der Granatapfel für Juden eine besondere Bedeutung hat, ist altbekannt. Wer löffelt an Rosch Haschana nicht Kern um Kern, um so viele Wünsche wie möglich in Erfüllung gehen zu lassen? Granatäpfel –hebräisch Rimonim – gehören zu den ältesten einheimischen Früchten und sind bereits in der Bibel erwähnt. Und auch in der griechischen Mythologie spielte die Frucht seit jeher eine Rolle. Ob schon Aphrodite die Geheimnisse kannte, die sich hinter der harten Schale verstekken? Jetzt findet man den purpurfarbenen Apfel nicht mehr nur zum Neujahr in den Obstläden und Supermärkten. Er ist der neue Stern der Nahrungsmittelindustrie.
Productscan, Datenerfassungsfirma für neue Produkte, zählte 215 neue Artikel aus Granatapfel oder mit Granatapfelgeschmack allein in den ersten sieben Monaten des Jahres. Zum Vergleich: 2002 waren es gerade mal 19.
Der besondere Geschmack ist neuerdings fast überall zu finden. Bei einem Streifzug durch jeden beliebigen Supermarkt des Landes begegnet einem die Frucht in allen möglichen Variationen: als Saft, Sirup oder in Plastik verschweißte Kerne, in Joghurts und Salatdressings, als Kuchenfüllung oder Eiscreme. Und sogar beim Kaugummi muß man auf die herbe Süße nicht mehr verzichten.
Doch der blutrote Saft kann mehr als nur gut schmecken. Seinen eigentlichen Erfolg verdankt er den gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen. Die Vitamine A, B und C sowie Calcium und Eisen machen ihn zu einem wahren Allheilmittel. Reich an antioxidanten Wirkstoffen – dreimal so hoch wie in roten Trauben – soll er bei zahlreichen Gesundheitsproblemen wahre Wunder bewirken: von Entzündungen über Herz- und Gefäßkrankheiten bis zu hormonellen Störungen bei Frauen während der Wechseljahre. Und sogar gegen bestimmte Krebsarten soll die biblische Frucht vorbeugen
können.

Auch in der Kosmetik setzen die Hersteller immer mehr auf Granatäpfel. Überdimensionierte Plakate an Drogerien und Litfaßsäulen versprechen glatte Haut und allgemeines Wohlbefinden. Das Öl aus den Kernen wird als neues Anti-Aging-Produkt gepriesen, das sich für die homöopathische Industrie in barer Münze auszahlt. Gesundheitskapseln, etwa von »Pomgranate Health«, finden reißenden Absatz, eine Packung mit 60 Kapseln kostet

im Internetverkauf etwa 20 Euro.
Ofra Daniel schwört schon lange auf die Kraft der Kerne. »Ich trinke seit Jahren ein großes Glas Granatapfelsaft. Nicht nur an Rosch Haschana, sondern jeden Morgen. Das ist ein prima Vitamincocktail.« Als die 45jährige vor einigen Monaten zum ersten Mal Hautpflegeprodukte aus dem Öl der Kerne in der Drogerie sah, hat sie gleich zugegriffen. »Seitdem habe ich keine andere Creme mehr benutzt und spüre, daß meine Haut viel reiner und fester geworden ist.«
Für die Weinkellerei Rimon im Moschav Kerem Ben Zimra ist die gesundheitsfördernde Wirkung ebenfalls nicht zu verachten. Doch in erster Linie setzt sie auf Geschmack. »Und der«, so die Familie Nachmias, »ist in Granatäpfeln ganz außergewöhnlich«. Hier, in diesem Moschav in Obergaliläa, wird aus dem Saft der Kerne echter Wein gemacht.
Alles begann, als Vater und Sohn Gaby und Avi Nachmias einen Artikel über die Qualitäten des Granatapfels lasen. Zunächst entwickelten sie eine Frucht, die größer, roter und reichhaltiger an Vitaminen war. Und sich offenbar besonders gut für Wein eignete. 2003 wurden die ersten 2.000 Flaschen süßer Dessertwein hergestellt, die den Nachmias förmlich aus den Händen gerissen wurden. Es folgte ein trockener Wein, und die kommerzielle Produktion begann. Mittlerweile ist die Produktpalette um Rosé- und Portwein erweitert worden, und der koschere Granatapfelwein wird im In- und Ausland angeboten. In Israel kostet eine Flasche aus der Weinkelleri Rimon umgerechnet etwa 12 bis 19 Euro.
Dabei haben Granatäpfel eigentlich gar nicht genug natürlichen Zucker, um selbst zu gären und zu Alkohol zu werden. Die Superfrüchte der Rimon-Weinkellerei aber schon, so daß die Fermentierung in den großen Stahlbehältern völlig natürlich abläuft. Später reift der Fruchtwein in Eichenfässern, um die besondere Note zu bekommen. »Und auch als Wein behält der Granatapfel seine besondere Wirkung«, wissen die Nachmias. »Gesund genießen. Zum Leben – L’Chaim!«

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