Rolf Joseph

Die Geschichte seines Lebens

Leicht angespannt steht Rolf Joseph am Eingang der Aula. Zeit für längere Gespräche hat er keine, aber ein paar freundliche Worte richtet er fast an jeden, der den Saal des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster betritt. Aufgeregt sei er nicht, sagt der 87-Jährige. Nervös aber ist er schon den ganzen Tag gewesen, meint hingegen seine Frau. Denn fast zwei Stunden lang wird es sich vor mehreren Hundert Zuhörern an diesem Abend allein um ihn und seine Geschichte drehen. Sechs Schüler des Gymnasiums Zum Grauen Kloster haben sich vier Jahre lang mit seinem Leben auseinandergesetzt und es in dem Buch »Ich muss weitermachen« aufgeschrieben. Nun halten sie es druckfrisch in Händen. Dabei waren sich die Schüler gar nicht sicher, ob es bis zu der Veranstaltung »Ein Abend für Herrn Joseph« überhaupt fertig würde, wie einer von ihnen, Simon Strauß, sagt.
Alles fing damit an, dass die Schulklasse, zu der Fabian Herbst, Dorothea Ludwig, Samira Sangkohl, Pia Sösemann, Simon Strauß und Simon Warnach gehören, innerhalb des Religionsunterrichts die Synagoge Pestalozzistraße besuchte. »Wir fühlten uns dort fremd«, erinnert sich Strauß. Doch dann sei ein freundlicher, älterer Herr auf die Schüler zugegangen und hätte sie angesprochen. Sie luden Rolf Joseph zu sich in den Unterricht ein und dort erzählte er von seinem Leben. Mit viel Glück hatte der Berliner den Nazi-Terror überlebt. Die Schüler waren ergriffen und wollten gerne seine Biografie lesen. »Aber die hatte bisher noch keiner aufgeschrieben«, sagt Simon Strauß. Also dachten sie sich, dass sie es doch machen könnten – was ihnen allerdings niemand so recht zutraute, wie der Religionslehrer Albrecht Hoppe sagt.
»Diese vier Jahre, in denen wir oft mit Rolf Joseph zusammen waren, sind mir extrem wichtig«, sagt Simon Strauß. Am Anfang der Treffen hätte Joseph auf Fragen oft fertige Textpassagen parat gehabt, so oft hatte er seine Geschichte schon erzählt, denn schließlich ist er seit 1983 als Zeitzeuge in Schulen im Einsatz. Aber nach einiger Zeit des intensiven Nachhakens habe er sich doch noch an mehr Details erinnert. »Ach, da ist mir noch etwas eingefallen«, sagte er dann oder er rief seinen jüngeren Bruder Alfred an: »Hey Keule, die Kinder haben noch eine Frage, weißt du vielleicht …?«
Vierzehn Jahre war Joseph alt, als er die Schule beendete und eine Tischlerlehre anfangen durfte – denn in einem Betrieb bekam er trotz Nazi-Herrschaft eine Lehrstelle. Allerdings durfte er keine Prüfung ablegen. Nach Zwangsarbeit bei IG Farben in Lichtenberg konnte er mithilfe eines Tischlermeisters seinen Beruf wieder aufnehmen.
1942 wurden die Eltern vor den Augen der Brüder Rolf und Alfred von der Gestapo abgeholt und ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Von diesem Moment an lebten die beiden jungen Männer auf der Flucht. Zwei Monate lang versteckten sie sich im Wald, bis sie bei unterschiedlichen Leuten unterkamen. Ihr Überleben verdanken Rolf und Alfred Joseph einer Lumpensammlerin, die ihnen bis zum Kriegsende Unterschlupf gewährte.
Dennoch wurde Rolf Joseph dreimal festgenommen, von der Gestapo gefoltert und gefangen gehalten und an-schließend in ei-nem der Transporte nach Auschwitz verfrachtet. Dank seines überaus starken Lebenswillens und der Hilfe mutiger Mitmenschen gelang es ihm aber, jedes Mal zu fliehen. Beispielsweise behauptete im Lager ein Gestapo-Arzt, dass Rolf Joseph Scharlach hätte – die Nazis fürchteten diese ansteckende Krankheit – und sofort ins Jüdische Krankenhaus kommen müsse, was indes nicht stimmte. Dort wiederum warnte ihn eine Krankenschwester vor der Gestapo, so dass er durch ein Fenster entkommen konnte.
»Mein ganzes Überleben damals, das war nur Glück«, sagt Rolf Joseph heute. Von sechzig Familienmitgliedern haben nur sein Bruder und er den Holocaust überlebt. »Es sind nicht mehr viele, die darüber sprechen können«, betont er, der bis zu seiner Pensionierung 1981 Betriebsleiter der Deutschen Waggonmaschinenfabrik am Eichborndamm war. Deshalb sei es sein Wunsch, mit seinen Vorträgen die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, damit sich das nicht wiederhole. »Ich muss weitermachen«, sagt er und so heißt auch der Titel seiner Erinnerungen. »Ich bewundere die Genauigkeit, mit der die Schüler meine Geschichte dokumentiert haben«, sagt Joseph. Es sei für ihn ein Wunder, dass es nun ein Buch gibt, »in dem mein Leben im Mittelpunkt steht. Ich danke Euch von ganzem Herzen.«
Unterstützt wurden die Schüler vom Verein der Freunde des Grauen Klosters, der ihnen die Produktion des Bandes vorfinanzierte.

»Ich muss weitermachen. Die Geschichte des Herrn Joseph«, 5, 90 Euro. Erhältlich nur in Schleichers Buchhandlung in Dahlem und im Gymnasium zum Grauen Kloster.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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