Grinberg-Methode

Die Fußflüsterin

von Katrin Richter

Jetzt bloß nicht lachen. Auch wenn es kitzelt. Nur schnell an etwas anderes denken. Emilys Frage kommt da wie gerufen: »Was möchtest du in deinem Leben erreichen?« Während die ausgebildete Grinberg-Trainerin konzentriert die Füße betrachtet, sie abtastet und drückt, stellt sie immer wieder Fragen, die weder mit Füßen noch im Entferntesten mit deren Pflege zu tun haben. Denkt man. Denn die Füße verraten viel mehr als durchgetanzte Nächte in zu engen Schuhen. Sie sind eine Landkarte der Seele.
Diese Karte lesen und interpretieren zu können, ist der Anfang der Fußtherapie nach der Grinberg-Methode, benannt nach ihrem Erfinder Avi Grinberg.
Der Israeli entwickelte in den 70er-Jahren ganz verschiedene Arten, Körperbewegungen zu erforschen. Seine Klienten, wie die Besucher genannt werden, erzählten ihm von ihren meist körperlichen Beschwerden. Mal tat der Rücken weh, mal empfanden sie ihren Alltag als extrem stressig oder waren einfach unzufrieden mit sich selbst. Und darin sah Grinberg den Ansatzpunkt. Selbstheilung. »Schwächen aus eigener Kraft anzugehen, um mehr Selbstausdruck im Leben zu gewinnen.«
Auch Emily Poel kam über körperliche Beschwerden zur Grinberg-Methode. Die studierte Tänzerin und Historikerin hatte einen Unfall und fand in der Grinberg-Methode eine Therapie, die half, ihre Bewegungen wieder richtig auszuführen. Seit acht Jahren lebt die aus Michigan kommende Praktikerin in Berlin.
Die Praxis im Prenzlauer Berg liegt im Dachgeschoss. Helles Parkett, lindgrün und weiß gestrichene Wände – ein großzügiges Arbeitsumfeld. Auf dem kleinen Flurtisch stehen Biscotti, Nüsse und Wasser. In einer Schale schwimmen Blüten, die farblich zu den Wänden passen. Auf den ersten Blick könnte das auch ein Kosmetikstudio sein. Nur die herumliegenden Informationsblätter deuten darauf hin, dass hier keine Nägel in Form gebracht oder Augenbrauen gezupft werden. Der »Behandlungsraum« ist sparsam eingerichtet, eine Liege, davor ein Stuhl, einige Lampen. Emily sitzt vor der Liege mit direktem Blick auf die Füße.
Ihre Arbeit sieht sie nicht einfach nur als Job. »Wenn sich Menschen am Ende einer Behandlung wohler fühlen als zuvor und sie ihre persönlich gesteckten Ziele erreichen können, dann bin ich zufrieden.«
Deshalb stellt sie zu Beginn der Fußtherapie immer die Frage nach den Zielen. Auch die Vergangenheit der Klienten wird in die Diagnose mit eingebunden. Gab es ein auslösendes Ereignis, was den Lebensweg beeinflusst hat. Eine Krankheit, vielleicht eine unaufgearbeitete Geschichte in der Familie – die Ursachen, warum sich der Körper mit Schmerzen meldet, können so mannigfaltig sein wie die Erscheinungsformen menschlicher Füße.
Emily tastet weiter, doch von Lachen keine Spur. Es drückt, es ist unangenehm und tut weh. Das ist ein Zeichen. Nur wofür? Sie untersucht weiter und schon wieder dieses durchdringende Ziepen. »Die rechte Körperhälfte ist etwas verspannt.« sagt sie. »Woher kommt das?« Ihre Fragen sind direkt und treffen manchmal direkt ins Schwarze. Denn erst dann, wenn man die eigenen Verhaltensweisen, die der Auslöser für die körperliche Verspannung sein können, erkannt und ausgesprochen hat, wird das Folgeprogramm festgelegt. Und das besteht aus einer Entspannungssitzung. 20 Minuten massiert Emily Nacken und Schultern.
Jetzt ist das Lachen endgültig weg, denn sie ertastet Punkte, die richtig wehtun. »Tief in den Brustkorb einatmen und wieder ausatmen.« Die Hauptsache ist es, den Schmerz nicht mit gleichzeitigem Verkrampfen des Muskels zu erwidern. Das ist einfacher gesagt als getan. »Mach den Oberkörper ganz leicht und wieder tief einatmen.« Zur Unterstützung atmet Emily gleichzeitig mit.
Die Atmung spielt bei der Grinberg-Methode eine zentrale Rolle, denn wer sein Atemvolumen trainiert, kann Stress und Anspannung verringern. Im Entspannungskurs lernen Teilnehmer, wie sie ihre Aufmerksamkeit bündeln können, um den Kopf und somit auch den ganzen Körper zu beruhigen. Denn Stress, weiß Emily, kann sich auf die Konzentration, die Kreativität auf die Gesundheit – kurz auf das ganze Wohlbefinden auswirken.
Wie sehr der Körper gearbeitet hat, wie intensiv er auch behandelt wurde, das merkt man in den letzten zehn Minuten der Entspannungssitzung. Nämlich dann, wenn man einfach nur daliegt, langsam atmet, die Stille hört, die Schultern auf dem weichen Laken pulsieren fühlt und nicht lacht.

Eva Erben

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