Rassenwahn

Deutsche Spezialisten

Das Modell vom »gläsernen Menschen«, das die Besucher begrüßt, könnte auch zu einem beliebigen anderen Thema der Humanbiologie gezeigt werden. Weiter hinten in der Ausstellung »Tödliche Medizin«, einer Übernahme aus dem Holocaust Memorial Museum in Washington D.C., erfährt man dann auch, dass genau dieses Modell vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden 1935 vom Museum of Science in Buffalo erworben wurde. Die Eugeniker in den USA sahen in der Rassenforschung der Nazis eine logische Weiterentwicklung der modernen Wissenschaften der Erblehre und Rassenhygiene, einst entstanden zur Bekämpfung großer Seuchen, durch Deutschlands »beste Spezialisten«.
Doch bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte diese Forschung eine sozialdarwinistische, eindeutig rassistisch geprägte Richtung angenommen. Geistig Behinderte und psychisch Kranke wurden nun zum Forschungsobjekt. Seit 1933 war das Ziel die Selektion und Auslöschung des angeblich »unwerten« Lebens und die Schaffung einer erbgesunden »arischen« Rasse in Deutschland.
Die Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin erinnert an die 200.000 geistig Behinderten und psychisch Kranken, die ermordet wurden und die 400.000 Zwangssterilisierten, die zwischen 1933 und 1945 Opfer der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden. Sie macht in verschiedenen Kapiteln schlaglichtartig die Entwicklung bis hin zum Massenmord deutlich, vom Stand der Erblehre um 1900 bis zum »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« von 1933. Von hier an waren es nur wenige Jahre bis zu der euphemistisch als »Euthanasie« bezeichneten systematischen Tötungsaktion ab Kriegsbeginn. Hier setzt die Ausstellung in Berlin eigene Akzente: So erinnert sie mit Bildern und Dokumenten an Anstalten und Orte in der Region, die an dem Massenmord beteiligt waren. Zu sehen sind etwa das Sterilisationsbuch der Wittenauer Heilstätten oder Dokumente aus der »Kinder-Euthanasie« in Brandenburg-Görden.
Ein zweiter Schwerpunkt ist die »Aktion T4«, bezeichnet nach der Adresse der zentralen Dienststelle der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Hier wurden die Tötungsaktionen koordiniert, die von Januar 1940 bis August 1941 in mehreren Heil- und Pflegeanstalten reichsweit stattfanden.
Die Ausstellung setzt, anders als in Washington und in Dresden, wo sie schon im Hygiene-Museum zu sehen war, auf eine nüchterne, moderne Ausstellungsarchitektur, in der die Fotos, Filmsequenzen und Dokumente umso eindringlicher zur Wirkung kommen. Die Euthanasie-Morde, so Museumsdirektorin Cilly Kugelmann, seien nur der Auftakt für den Genozid an den Juden gewesen, das wolle man deutlich machen. Eine ergänzende Betrachtung zur Situation nach 1945, wie von Kritikern gefordert, sei im Rahmen der Übernahme nicht möglich gewesen, würde aber im Begleitprogramm zu der Ausstellung berücksichtigt. Sigrid Hoff

Die Ausstellung »Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus« ist bis 19. Juli im Berliner Jüdischen Museum täglich von 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr, zu sehen. www.jmberlin.de

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