Münchner Gemeindezentrum

Der Tag, an dem ...

von Michael Brenner

Es gibt Tage, an denen der Kalender symbolisch den Grundgehalt nationaler Erzählstrukturen festschreibt. In der jüdischen Geschichte gebührt diese Ehre dem 9. Tag des Sommermonats Aw. Der jüdischen Tradition zufolge wurden an diesem Tag sowohl der Erste wie auch der Zweite Tempel in Jerusalem zerstört, fiel am Ende des Bar-Kochba-Aufstands gegen die Römer im Jahre 135 die Festung Betar und lief angeblich im Jahre 1492 die Frist für die spanischen Juden ab, sich für Taufe und damit Verbleib in der Heimat oder aber fürs Exil und damit Verbleib im Glauben zu entscheiden.
Es ist der 9. Tag des Monats November, der die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts en miniature beschreibt. Als ob es für einen Tag in der deutschen Geschichte nicht reichte, daß ein Kaiser abdankt, ein Putsch scheitert, die Synagogen brennen, die Mauer fällt. Wäre am 9. November 2003 eine von Münchner Neonazis geplante Bombe anläßlich der Grundsteinlegung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums am Münchner Jakobsplatz explodiert, so hätte der deutsche »nine-eleven« noch eine weitere tragische Komponente erhalten. An diesem 9. November aber wird das Münchner Gemeindezentrum eingeweiht. Der verflixte 9. November steht nun also für den Neubeginn jüdischen Lebens in München und weit darüber hinaus.
Als in Berlin Prinz Max am 9. November 1918 die Abdankung des Hohenzollers meldete, waren in München die Wittelsbacher schon gestürzt. Am Tag zuvor hatte Kurt Eisner als erster Ministerpräsident einer bayerischen Republik die Regierungsgeschäfte übernommen. Eisner war nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde, aber seine jüdische Herkunft hat er niemals verleugnet. Die jüdische Gemeinde fürchtete in der Umsturzsituation, daß sie Leidtragende einer Gegenrevolution werde und distanzierte sich von Eisner und den Revolutionären.
Der 9. November fünf Jahre später war zwar ein Münchner Ereignis, doch wenn Hitlers gescheiterter Putsch Erfolg gehabt hätte, wären die Konsequenzen weit über Bayern hinaus spürbar gewesen. Es bedurfte gar nicht des Erfolgs von Hitler, um im selben Jahr zahlreiche jüdische Familien polnischer Staatsbürgerschaft aus München und anderen Teilen Bayerns auszuweisen. Diese Maßnahmen waren dem 9. November 1923 bereits vorausgegangen und in einer Atmosphäre zunehmender Judenfeindlichkeit initiiert worden.
Wie bereits 15 Jahre vorher, wurden auch die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 mit der Abschiebung polnischer Juden eingeleitet. Am 27. und 28. Oktober wurden sie verhaftet und wenig später über die Grenze gebracht, wo sich die polnische Regierung zunächst weigerte, sie aufzunehmen. In der Pogromnacht selbst brannte in München die Hauptsynagoge übrigens nicht. Sie war im vorauseilenden Gehorsam ein halbes Jahr vorher abgerissen worden.
Ohne den 9. November 1989 wäre die Geschichte der Juden im Nachkriegsdeutschland ohne langfristige Perspektive geblieben. Damals fiel nicht nur die Berliner Mauer, es öffneten sich auch die Tore für Juden aus der Sowjetunion, denen jahrzehntelang jeder Zugang zu jüdischer Kultur und Religion verwehrt war. Daß die vorhandenen Gemeindeeinrichtungen den neuen Gegebenheiten nicht mehr entsprachen, führte in vielen Gemeinden zum Beschluß, ein neues jüdisches Gemeindezentrum entstehen zu lassen.
Nun also der 9. November 2006. Ein neues Haus ist noch keine Garantie für einen Neuanfang. Die Steine mit Leben zu füllen, wird eine schwierigere Aufgabe sein, als sie zu einem Gebäude zu formen. In München hört man viele Stimmen, die sich erstaunt über die Größe der neuen Synagoge am Jakobsplatz äußern. Doch ein Vergleich mit der alten Hauptsynagoge am Lenbachplatz zeigt, um wie viel mächtiger diese war. Sie hatte das Münchner Stadtbild entscheidend mitgeprägt. Man hat sich in den 70 Jahren nach ihrer Zerstörung schon an das Fehlen eines markanten jüdischen Bauwerks in der Stadt gewöhnt. In Würzburg wird dem neuen jüdischen Gemeindezentrum »Schalom Europa« viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Zu Recht: Für eine kleinere Gemeinde ist diese Initiative beeindruckend. Dennoch darf auch hier ein Blick zurück die Maßstäbe nicht außer acht lassen: Würzburg ist die einzige jüdische Gemeinde in ganz Unterfranken. Vor einem Jahrhundert waren in Unterfranken knapp 14.000 Juden in mehr als 100 Gemeinden organisiert.
Trotzdem, es gibt keine Alternative zum Neuanfang. In den Hinterhöfen zu bleiben, würde ebenso ein Signal setzen: keine Zukunft zu planen. Ein neues Gemeindezentrum darf aber nicht zum Präsentierteller werden, zum Schaufenster, durch das die nichtjüdische Umwelt – verblendet durch Klesmerromantik und falsche Schuldgefühle – eine neue jüdische Szene wahrnehmen will. Das Jüdische Gemeindezentrum dient zuerst den Bedürfnissen der Münchner Juden. Es liegt jedoch auch an ihnen, daß es zur Attraktion für alle Münchner wird.
Um Haaresbreite wäre der 9. November 2003 in München zu einem neuen 9. Aw geworden. Stattdessen kann dieser 9. November 2006 als Tag des Aufbruchs und Neubeginns, als ein Tag, an dem in München Mauern fielen, in den Kalender deutscher und jüdischer Geschichte eingehen.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte an der Universität München.

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