erfurt

Der Schatz im Thüringer Becken

Das ist etwas Einmaliges auf der Welt», sagt Wolfgang Nossen, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde. Einmalig ist zum einen das Gebäude der Alten Synagoge und sein architektonisches Umfeld: die erhaltenen Mauerreste und die Mikwe nahe der berühmten Krämerbücke. Zum anderen ist es der jüdische Erfurter Schatz, der einst im Besitz einer Kaufmannsfamilie gewesen sein soll. Die gefundenen Münzen sind kurz vor dem Pogrom 1349 datiert und Beweis für den traurigen Anlass, umgehend den Familienschatz verstecken zu müssen. Was aus dem Besitzer wurde, ist nicht überliefert. «Es war damals eine sehr große Gemeinde mit rund 1.000 Mitgliedern», sagt Wolfgang Nossen, «keiner von ihnen hat überlebt.» Was blieb, ist der einmalige Schatz, die Chance, ihn zu zeigen und die Geschichte aufzuarbeiten.
Digital Die Erfurter Innenstadt rund um die Krämerbrücke war in der Zeit vor dem Pogrom ein friedliches christlich-jüdisches Stadtviertel. Dann hat die Geschichte ein Loch hinterlassen. «Ich bin der Meinung, dass mit der Alten Synagoge die jüdische Geschichte im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte aufgearbeitet werden müsste.» sagt Wolfgang Nossen. Denn das eine ohne das andere könne es nicht geben. Das betont auch Ines Beese, die Leiterin der Alten Synagoge, und präsentiert die neue Website. «Jüdisches Leben in Erfurt» heißt sie. Bewusst habe man sich auf das Wort «Leben» geeinigt. Neben Infos rund um die Alte, die Kleine und die Neue Synagoge, gibt es Einblicke in die Geschichte der Gemeinde und ein Glossar, das Begriffe wie Dendrochronologie oder Tossefta erklärt.
Doch nicht nur Geschichtliches steht im Mittelpunkt der Homepage. Auch aktuelle Ereignisse, wie das jährlich stattfindende «GeDenken» zum 9. November oder einfach nur die kommenden Veranstaltungen bereichern die olivgrün gestaltete Seite um ein Vielfaches. Ein extra Abschnitt widmet sich übrigens der Mikwe, deren Reste im Frühjahr 2007 endlich freigelegt werden konnten.
Leben Beese ist stolz, dass nun in wenigen Tagen die Eröffnung des Hauses gefeiert werden kann, auch wenn es vordergründig kein Platz für das aktive Gemeindeleben ist. «Wir haben bewusst darauf verzichtet, das Gebäude zu weihen.» Trotzdem finden Veranstaltungen wie Synagogen-Abende und Vorträge, statt. In erster Linie ist es aber ein Museum. Auf drei Etagen wird gezeigt, was Wissenschaftler und Restauratoren in den vergangenen elf Jahren geschaffen haben und erhalten konnten. 800.000 Euro wurden allein für den Museumsbedarf investiert.
Im Erdgeschoss wird die Baugeschichte der Synagoge gezeigt. In der darunter liegenden Etage ist der Erfurter Schatz zu sehen. Im oberen Geschoss, dem schönsten aller Räume, ist eine Sammlung von hebräischen Handschriften ausgestellt. Es sind Leihgaben der Staatsbibliothek Berlin. Nach und nach werden sie in Erfurt zu sehen sein. Unter den 14 Hand- schriften ist auch die berühmte «Erfurt 1», eine der größten hebräischen Bibel-Handschriften des Mittelalters aus Thü- ringen. Die Alte Synagoge kann Anlaufpunkt für Wissenschaftler und Forscher werden, aber auch für diejenigen, die mehr vom Judentum im frühen Mittelalter entdecken wollen.
Das Gebäude, in dem sich heute die Alte Synagoge befindet, wurde 1094 erbaut und ist eines der ältesten jüdischen Gotteshäuser Europas. In den folgenden 250 Jahren wurde es mehrfach umgebaut bis hin zur repräsentativen Synagoge mit filigranen Steinmetzarbeiten für ein Lanzettfenster und Maßwerkrosette. Nach dem Pogrom 1349 wurde die Synagoge zu einem Lagerhaus. Später, ab 1750, nutzte man sie gastronomisch. Doch im Laufe der Jahrhunderte wurde das ursprüngliche Aussehen beeinträchtigt, bis Mauern den kompletten Bau unkenntlich machten, doch dadurch auch schützten. Die Alte Synagoge blieb über Jahrzehnte unerkannt und das, was noch vorhanden war, unbeschadet. Die Entdeckung des Baus war spektakulär und fügte sich in einen Teil der Baugeschichte Erfurts ein, der nun zunehmend aufgearbeitet wird. Vor elf Jahren begannen die Restauratoren mit der Arbeit an dem alten Gemäuer. Sie wollten die Spuren der Zeit unbedingt erhalten. So blieb der originale Eingang zu sehen, ebenso in den Innenräumen die Fenster und zum Teil die Holzbalken. Im Obergeschoss befindet sich der Tanzsaal aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist ein faszinierender Raum mit umlaufenden Emporen, die Wände sind mit plastischen Ornamenten verziert und farbig bemalt.

seltenheit Das Signet der Ausstellung ist der goldene jüdische Hochzeitsring. Wolfgang Nossen schwärmt: «Davon gibt es insgesamt nur drei Stück. Ich habe sie nun alle gesehen. Ich war in Paris und London, wo der Schatz schon gezeigt wurde. Überall habe ich erlebt, wie beeindruckt das Fachpublikum war.» Experten, Gemeindemitglieder, nationale und internationale Touristen erhofft sich nun Erfurt vom Schatz und von der Alten Synagoge. Die Stadt will sich damit für die UNESCO-Liste des Welterbes bewerben. Dies wird Jahre beanspruchen. Eine Zeit, die die Stadt durchaus für die Aufarbeitung der Geschichte nutzen kann. Der alte jüdische Friedhof zum Beispiel wird derzeit durch Engagement der Gemeinde wieder hergestellt. Finanziert wird dies mit den knappen Mitteln der Jüdischen Landesgemeinde. «Manchmal bringen einfache Rentner kleine Spenden», sagt Wolfgang Nossen. Es wird dauern und es bedarf noch vieler Impulse, damit aus der Geschichte wirklich wieder jüdisches Leben entsteht und die Orte der Erinnerung selbstverständlich gepflegt und finanziert werden können. «Von daher sehe ich eine große Bedeutung, wenn es gemacht wird. Das könnte sich dann auch positiv auf die heutigen Juden auswirken», hofft Nossen.

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