Herbert Winter

Der Pragmatiker

von Peter Bollag

Lange musste er auf den großen Moment warten, doch dann ging alles ganz schnell: Nicht per Abstimmung, sondern mit bloßem Applaus wählten die Delegierten den 62-jährigen Zürcher Anwalt Herbert Winter am Ende der Versammlung des SIG, des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, in La Chaux-de-Fonds zum neuen Präsidenten. Er tritt die Nachfolge des Genfer Arztes Alfred Donath an, der nach zwei Amtsperioden seinen Rücktritt erklärt hatte.
Weil die Kandidaten für die Donath-Nachfolge nicht Schlange standen, waren die Delegierten vermutlich erleichtert darüber, dass Quereinsteiger Herbert Winter, der sich immerhin schon in der B’nai-B’rith-Loge und verschiedenen Gremien seiner Gemeinde, der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), engagiert hatte, schließlich zusagte, dieses nicht ganz einfache Amt zu übernehmen.
Der verheiratete Familienvater war während der Diskussionen um die nachrichtenlosen Vermögen vor gut zehn Jahren in die Schlagzeilen geraten, als er von Berufs wegen Ansprüche jüdischer Hinterbliebener gegen Schweizer Banken zu verteidigen hatte. Spätestens dann muss ihm aufgegangen sein, wie schwierig es für den SIG sein kann, zwischen allen Fronten – Behörden und Öffentlichkeit einerseits, jüdischer Minderheit andererseits – zu stehen. Zur Zeit könnte dies jedoch allenfalls beim Thema Israel passieren. »Wir verstehen uns nicht als verlängerter Arm der israelischen Botschaft in Bern«, sagt Herbert Winter und meint damit, der SIG fühle sich bei der Diskussion um Israel und dessen Sicherheit nur dann angesprochen, wenn diese Diskussion sich für die Juden in der Schweiz nachteilig entwickeln könnte – zum Beispiel auf den Leserbriefseiten der Zeitungen.
Zu vermuten ist allerdings, dass der neue SIG-Präsident mit der Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey den einen oder anderen Streit ausfechten wird, denn ihre Nahostpolitik gilt bei vielen als einseitig pro-arabisch.
Daneben nehmen sich die aktuellen innerjüdischen Probleme des Landes momentan eher gering aus. Das Top-Thema, an dem sich mehrere SIG-Präsidenten die Zähne ausbissen, die Frage, ob die beiden liberalen Gemeinden von Genf und Zürich dem Gemeindebund beitreten sollen, ist seit mehreren Jahren vom Tisch. Sie haben sich inzwischen in einer »liberalen Plattform« selber organisiert und streben keine Änderung des Status quo an. Herbert Winter, selbst der traditionell jüdischen Ausrichtung verpflichtet, will hier pragmatische Politik betreiben: »Ich werde versuchen, die beiden Gemeinden dort einzubinden, wo das möglich ist« – etwa beim Thema Sicherheit, wo die ideologischen Grenzen am ehesten eingerissen werden könnten.
Dass Winter keinen Hehl daraus macht und den jüdischen Kleingemeinden der Schweiz keine große Zukunft voraussagt (eine Prognose, mit der er nicht alleine steht), wird vermutlich auch auf Kritik stoßen. Denn die ICZ als größte jüdische Gemeinde weckt da und dort Ablehnung, was auch erklärt, warum in der vergangenen Zeit kaum ein Zürcher den SIG geführt hat.
Wenn Herbert Winter allerdings auf den Rat des Basler Filmproduzenten Arthur Cohn hört, der sich seit Jahrzehnten für den Gemeindebund engagiert, wird er darüber hinweggehen: Cohn sagte, er erhoffe sich wieder einen Präsidenten, der auch mal ganz autoritär über alle Köpfe hinweg entscheide. In den vergangenen Jahren war dies eher die Ausnahme.

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