Schönes

Der Mustergatte

Wenn es darum geht, mehr zuwege zu bringen, hat meine Frau ein einfaches Re-
zept: »Man sollte zuerst die notwendigen und wichtigen Aufgaben erledigen, die keinen Spaß machen, und sich erst dann den angenehmeren Dingen zuwenden.«
Sie ist der Meinung, die lästigen Pflichten ließen sich viel leichter erledigen, wenn man etwas hat, auf das man sich freuen kann. Für alle, die Arbeiten gern hinausschieben, ist das eine bedenkenswerte Weisheit, und ich habe ihren Ratschlag tatsächlich längst in meine Arbeit integriert.
Dennoch gibt es Zeiten, in denen die umgekehrte Vorgehensweise sinnvoll ist. In einer ehelichen Beziehung zum Beispiel ist es wichtig, mit den Freuden anzufangen und sich später den banaleren Tätigkeiten zu widmen. G’tt ist dafür ein herausragendes Beispiel. Die Schließung des Bundes wird in der Überlieferung als eine Art Heiratsurkunde zwischen G’tt und den Kindern Israels angesehen. Die Art und Weise, wie G’tt Seine Braut – die Kinder Israels –behandelt, lässt uns begreifen, wie es in menschlichen Ehen und Beziehungen zu-
gehen sollte.
In der Bibel gebietet G’tt dem jüdischen Volk, ihm eine Wohnstatt, ein Mischkan, zu errichten, auf dass Er unter ihnen wohnen könne. Dann befiehlt G’tt den Kindern Israels, den Schabbat zu halten. Die Reihenfolge der Gebote fiel Rabbi Joseph Dow Soloweitschik (1820-1892) auf, und er verfasste eine Analogie, die ich leicht verändert anwende: Jemand, der einem geliebten Menschen ein Geschenk machen will, kann dies auf zweierlei Weise tun. Sagen wir, ein wohlhabender Mann richtet seiner Frau eine neue Küche ein. Nachdem er sie in die Küche geführt hat, kann er ihr entweder zuerst all die nützlichen, profanen Teile zeigen: die elektrischen Leitungen etwa oder die Wasserrohre; oder aber er kann damit beginnen, dass er ihr die herrliche Arbeitsfläche aus Marmor und die wunderbaren neuen Geräte zeigt.
Der Unterschied zwischen den beiden Vorgehensweisen hat etwas mit den Gründen zu tun, warum er seiner Frau die neue Küche schenkt. Hat er sie aus Pflichtgefühl eingerichtet – statt aus Liebe –, liegt ihm nichts daran, ihr zuerst die Schönheit der Küche zu zeigen, die ihr Herz erfreuen würde. Denn dann ist die Küche schön, weil er es sich leisten kann, nicht, weil er seine Frau liebt, und deshalb ist es für ihn nicht wichtig, sie zuerst darauf aufmerksam zu machen. Hat er hingegen die Küche aus Liebe gebaut, zeigt er ihr zunächst die Gerätschaften und neuen Schränke, denn er weiß, wie viel Freude ihr diese Dinge bereiten, und das ist für ihn das Wichtigste.
Genauso, erläutert Rabbi Soloweitschik, ist der Schabbat ein elementarer Teil des Judentums – ohne ihn kann das Judentum nicht existieren. Das Mischkan hingegen ist ein Luxus, der Spiritualität und Freude in das Leben der jüdischen Gemeinschaft bringt. Und doch hat das Judentum in den vergangenen 2.000 Jahren ohne dies überlebt. Und so, weil er die Gebote aus Liebe gab, gebot G’tt den Kindern Israels, zuerst das Mischkan – den Luxusgegenstand – zu errichten, bevor er zur Einhaltung des Schabbats als eine der Grundvoraussetzungen gelangte.
Im Talmud heißt es: »Ein Mann soll seine Frau lieben wie sich selbst und sie mehr achten als sich selbst« (Yevamot 62b). Vielleicht trägt dies dazu bei, diese äußerste Liebe und Achtung zu leben: Wenn es um Selbstdisziplin geht, ist es tatsächlich besser, erst die lästigen Pflichten zu erledigen und dann die erfreulicheren Dinge. Doch wenn es um unseren Ehepartner geht, sollte unsere Liebe bewirken, dass wir ihnen das Schöne zuerst schenken und uns erst dann mit dem Profanen befassen.
Rabbi Levi Brackman

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