Iwano-Frankiwsk

Der galizische Wächter

von Vladimir Matveyev

Als gläubiger Jude, gesteht Moishe Leib Kolesnik, denke er oft über eine Übersiedlung nach Israel nach und darüber, wie viel einfacher es dort wäre, ein religiöses Leben zu führen, statt in dieser westukrainischen Stadt zu verweilen. Doch Kolesnik kann seine Heimatstadt, für die er geistlicher Führer und Wahrer alles Jüdischen ist, einfach nicht aufgeben. »Die Gemeinde auch nur für einige Zeit zu verlassen, fällt mir sehr schwer«, bekennt der 50-jährige Kolesnik, der perfekt Ukrainisch spricht.
Ohne Kolesniks Interesse am Judentum müsste Iwano-Frankiwsk vielleicht ganz ohne geistliche Führung auskommen. Mehr als 80 Prozent der Juden von Iwano-Frankiwsk sind nach dem Ende des Kommunismus ausgewandert, schätzt Kolesnik. Nur etwa 700 leben heute noch in der 200.000-Einwohner-Stadt. 1995 musste er eine von ihm gegründete kleine Jeschiwa wegen Schülermangel wieder schließen. Die meisten der verbliebenen Juden sind säkular und besuchen seine Gottesdienste nur selten.
Dennoch ist Kolesnik heute die höchste Instanz, wenn es ums Judentum geht. Im Bemühen, die reiche jüdische Geschichte der Westukraine zu bewahren, hat er die ganze Region bereist. In Iwano-Frankiwsk nennen sie ihn Rabbiner, obwohl er nicht offiziell ordiniert wurde. »Wenn ich irgendetwas wissen will, was Juden betrifft, hat unser Rabbiner immer eine Antwort«, sagt Olga Markus, eine lokale jüdische Aktivistin und Leiterin des Wohltätigkeitsvereins Magen Awot. »Er ist die beste Datenbank, das beste Archiv.«
Obwohl nicht ordiniert, hat Kolesnik die Autorität, rabbinische Pflichten auszuüben, die ihm von der Chabad-Lubawitsch verliehen wurde. »Rabbiner Moishe Kolesnik hat jüdisches Leben erfolgreich wiederbelebt. Dank seines Wissens konnten hunderte galizische Juden ihrem Ursprung wieder näher kommen«, sagt Rabbiner Azriel Chaikin, einer der drei Oberrabbiner der Ukraine. »Dank seiner Energie, seines fließenden Ukrainisch und einer profunden Kenntnis der Mentalität der ukrainischen Gesellschaft ist es ihm gelungen, in vielen Fragen eine Lösung zu finden.«
Außerdem erhielt Kolesnik den Segen seines religiösen Lehrers Yehudah Goldscheid, der vor dem Zweiten Weltkrieg Rabbiner war. »Reb Yidl lehrte mich alles, was das traditionelle jüdische Leben und das Judentum angeht«, erzählt Kolesnik. Obwohl er nicht religiös erzogen wurde, habe er sich immer als Jude gefühlt, und Jiddisch war in seiner Familie oft zu hören. Kolesnik hat in seiner Heimatstadt die Universität besucht und mit einem Diplom in russischer Philologie abgeschlossen. Anfang der 1980er-Jahre nahm er eine Stelle als Sprachlehrer an einer Realschule in Kolomija, einer kleinen, eine Stunde von Iwano-Frankiwsk entfernten Provinzstadt an. Vielleicht war es der in Kolomija herrschende Geist, der dazu führte, dass das Judentum in seinem Leben eine wachsende Bedeutung einnahm. Stolz merkt Kolesnik an, dass der Gründer des Chassidismus, Rabbiner Israel Baal Schem Tow, einst in dieser Stadt gebetet hat.
Kolesnik sagt, er sei zum ersten Mal in den frühen 1980er-Jahren religiösen Juden begegnet, als er Kiew und Moskau besuchte. Zu dieser Zeit begann er sich für das religiöse Leben im Untergrund zu engagieren: die Tora lernen und lehren und Untergrund-Gottesdienste organisieren.
Vor dem Zweiten Weltkrieg, als Iwano-Frankiwsk Stanislawow hieß und Zentrum einer ostpolnischen Provinz war, machten die rund 50.000 dort lebenden Juden die Hälfte der Bevölkerung aus. Obwohl von der jüdischen Vorkriegszeit wenig geblieben ist, hält Kolesnik es für seine Mission, davon so viel wie möglich zu bewahren. »Ich bin in die Städte und Dörfer gereist und vielen einheimischen Juden begegnet. Die Menschen haben mir alte Bücher und Dokumente gezeigt, die sie aufbewahrt hatten«, sagt Kolesnik.
Im Laufe der Jahre ist eine reiche Sammlung alter Bücher entstanden. Die meisten sind auf Hebräisch geschrieben, eine Sprache, die wenige in der Region beherrschen. Besonders fasziniert, meint Kolesnik, sei er von den handschriftlichen Notizen, die sich in vielen Büchern fanden.
Heute umfasst die Bibliothek der von seinen Reisen mitgebrachten Bücher mehr als 1.000 hebräische Bände sowie Gemeindeakten und Fotografien aus dutzenden Kleinstädten. Er bewahrt diese Schätze in der historischen, 1898 errichteten Synagoge der Stadt auf, einem imposanten zweistöckigen Gebäude, stummer Zeuge des Wohlstands der Jüdischen Gemeinde in früherer Zeit. Die Synagoge war früher eines von etwa 60 jüdischen Gebetshäusern in der Stadt.
Auf seinen Reisen zeichnete Kolesnik Karten vieler jüdischer Friedhöfe, eine Quelle von unschätzbarem Wert für ausländische Juden, die auf der Suche nach ihren Vorfahren hierher kommen. Doch auch für die einheimischen Juden ist ihr geistlicher Führer eine Autorität, dem sie volles Vertrauen schenken. »Er ist hier geboren, und wir sprechen die gleiche Sprache, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn«, sagt der 73-jährige Yankel Bereyin.
Außer der Synagoge gibt es eine kleine jüdische Schule in der Stadt, die von der Ohr-Avner-Stiftung betrieben wird und 30 Schüler hat, eine Hebräischschule für 20 Schüler und einen Kindergarten mit neun Kindern. Zur Synagoge gehören eine Mikweh, ein Frauenverein sowie ein israelisches Kulturzentrum.
Rabbiner Moishe Kolesnik ist sich seiner zentralen Rolle in der Gemeinde bewusst und sieht seine Mission darin, so lange wie möglich zu bleiben. Nach der Zukunft der Gemeinde gefragt, will er sich lieber keinen Spekulationen hingeben. »Es ist albern, irgendwelche Vorhersagen zu machen«, sagt er. »Das Hauptziel besteht heute darin, zu bewahren, was von der Gemeinde übrig ist.«

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