Joel Weinstein

Der fliegende Arzt

von Larry Luxner

Während Menschen zum islamischen Nachmittag-Gebet eilen, untersucht der Arzt Joel Weinstein die 25-jährige Gina Khachadoarian in der Augenklinik in Aleppo. Die Frau, die darüber klagte, dass sie doppelt sah, wartete geduldig, während Weinstein ihren Fall mit einem einheimischen Arzt diskutierte. An diesem Tag hoffte ein halbes Dutzend Menschen darauf, den 60-jährigen in Chicago geborenen Mediziner zu sehen. Darunter ein älterer Mann mit Glaukom und ein Vater, dessen Sohn in einen Autounfall verwickelt war.
»Ich habe eine Menge Leute mit Glaukom im Endstadium gesehen, die schon vor Jahren hätten untersucht werden müssen«, sagt Weinstein zwischen Patientenberatungen. »Dieses Mädchen Gina hatte multiple Sklerose. Wäre sie in den Vereinigten Staaten geboren, wären bereits ein oder zwei MRI-Scans vorgenommen worden.« Gina weiß, dass Weinstein jüdisch ist. Auch die etwa 50 anderen Patienten, die er letzten Monat während seines einwöchigen Orbis-International-Aufenthalts in Syrien behandelt hat, wissen es. »Ich glaube jedoch, sie haben mich nur als einen von vielen Amerikanern gesehen,« sagt der Augenarzt aus Pennsylvania.
Nicht, dass es viel ausgemacht hätte. In einem Land mit nur einem Augenarzt pro 26.000 Einwohner – in dem aber mehr als 900.000 Menschen unter Blindheit oder Sehschwäche leiden – sind Spezialisten wie Weinstein sehr gesucht, ganz gleich, welchen Glauben sie haben. Der Einsatz in Aleppo war für die New Yorker Hilfsorganisation Orbis der dritte in Syrien. Orbis betreibt die einzige fliegende Einrichtung für Augenchirurgie und augenärztliche Ausbildung. »Ich hatte Angst, dass es Sicherheitsprobleme geben würde, aber es gab keine«, sagt der Arzt, dessen Ehefrau Tilly ihn in den Nahen Osten begleitete.
Unter den 15 amerikanischen Ärzten, aus denen sich das nach Aleppo entsandte Orbis-Team zusammensetzte, war Weinstein der einzige Jude. Doch der unternehmungslustige Augenarzt meinte, er lasse es nicht zu, dass seine jüdische Identität ihn daran hindere, Syrien – den langjährigen Feind Israels – zu besuchen. Das Flying Eye Hospital (Fliegende Augenklinik), von Orbis personell ausgestattet, ist ein umgewandeltes DC-10-Flugzeug. Es verfügt über Operations-, Genesungs-, Sterilisations- und Laserbehandlungsräume sowie audiovisuelle und Konferenzeinrichtungen. Während des dreiwöchigen Orbis-Programms in Aleppo beteiligten sich mehr als 190 einheimische Augenspezialisten und 370 Patienten. »Ich glaube, was Orbis bewirken kann, lässt sich nicht so sehr an der Zahl der Operationen messen. Viel wichtiger ist das Wissen, das an unsere Ärzte weitergegeben wird«, sagt Dr. Harout Balian, Leiter der Augenklinik. »Wir profitieren von der Erfahrung und dem Wissen von Ärzten, die in hohem Grad spezialisiert sind.«
Weinstein wuchs in einem säkularen Haus auf und feierte seine Bar Mitzwa bei einer Reformgemeinde in Skokie, Illinois. Nach Abschluss seines Studiums am Albert Einstein College of Medicine der Yeshiva University wurde Weinstein Augenarzt und schließlich Professor an der University of Wisconsin in Madison. Mitte der 1980er-Jahre begann er sich für die Freiwilligenarbeit in Entwicklungsländern zu interessieren.
Weinsteins erste Orbis-Mission führte ihn 1987 nach Guatemala. Auch in Äthiopien, Nigeria und Usbekistan war er bereits im Freiwilligeneinsatz. Doch Syrien – Heimat für gerade einmal 50 Juden aus einer Gesamtbevölkerung von 18,5 Millionen – übt auf Weinstein eine besondere Faszination aus. Da die einst lebendige jüdische Gemeinde so gut wie nicht mehr existiert, haben die heute lebenden Syrer kaum eine Möglichkeit, jüdische Menschen kennen zu lernen. Die meisten, die ich hier getroffen habe, waren sehr nett und gebildet. Sie sagen, Amerikaner würden die Probleme nicht richtig verstehen, die Syrien mit Israel hat, und dass sie persönlich Frieden wollen.»
Gegen Ende seines Aufenthalts wurde Weinstein sehr krank – er ist sich ziemlich sicher, dass es eine absichtliche Lebensmittelvergiftung war –, aber auch das konnte sein Bild von Syrien nicht verdüstern. «Man hatte uns nahe gelegt, keine politischen Themen anzuschneiden, aber die syrischen Ärzte stellten uns oft Fragen zu Tagesereignissen», sagt er. «Die Syrer waren sehr offen. Ich würde auf jeden Fall wieder hinfahren.»

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