Schlomo Mor-Josef

Der Botschafter

von Tobias Kaufmann

Der Schlaganfall hat ihn bekannt gemacht. Bis vor wenigen Tagen gab es nicht mal eine Handvoll Treffer, wenn man in den Archiven der Nachrichtenagenturen nach einem Foto von Schlomo Mor-Josef suchte. Inzwischen jedoch kommen täglich dutzende von Aufnahmen hinzu. Sie zeigen immer dieselbe Szene: Ein schlanker Mann mit akkurat frisiertem grauen Haar, der mit ernstem Gesicht eine Schar von Journalisten vor dem Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem über den Gesundheitszustand des israelischen Ministerpräsidenten informiert. Durch Ariel Scharons Schlaganfall ist Schlomo Mor-Josef schlagartig zur öffentlichen Person geworden. Zwar gehört Aufmerksamkeit zu schaffen für das Hadassah-Krankenhaus, das er leitet, zur Aufgabe des 54jährigen. Denn das Hospital mit seinen fast 4.000 Mitarbeitern muß sich ohne Beihilfen aus dem Staatshaushalt finanzieren und kann spendenträchtige Publicity gut gebrauchen. Doch ausgerechnet zu diesem Anlaß im Mittelpunkt zu stehen, darauf hätte Schlomo Mor-Josef mit Sicherheit gern verzichtet.
Der Kampf um das Leben von Ariel Scharon ist nicht das erste Drama, mit dem die Hadassah Medical Organization Schlagzeilen macht. Während der Terror-Intifada, in der Jerusalem ständig das Ziel palästinensischer Selbstmordattentate war, wurde ein Großteil der Verletzten in den beiden Hadassah-Universitätskrankenhäusern auf dem Scopus-Berg und in Ein-Karem behandelt. »Ohne Ansehen der Person«, wie Mor-Josef betont. Juden, Christen, Moslems, sogar Attentäter, die überlebt hatten, bekamen bei Hadassah medizinische Hilfe – da sie meist nicht krankenversichert sind, bezahlt der Staat Israel die Therapien für solche Patienten.
»Eine bessere Welt durch Medizin« ist das Motto der Organisation. Mor-Josef weiß, was seinen Mitarbeitern dadurch abverlangt wird. »Für uns war es nie etwas Besonderes, daß wir auch viele Araber als Patienten haben – schließlich ist die Klinik auf dem Scopus-Berg für sie das nächste Krankenhaus, und auch zahlreiche unserer Ärzte und Mitarbeiter sind Araber«, sagt der Mediziner. »Doch die Intifada war eine besondere Herausforderung. Es kamen Leute auf der Trage, bei denen man am liebsten zugeschlagen hätte, aber sie waren Patienten und mußten behandelt werden.« Psychologen halfen dem Team, mit der extremen Situation fertig zu werden. Umso mehr hat Mor-Josef getroffen, als im vergangenen Jahr eine Palästinenserin, die zuvor im Hadassah-Krankenhaus behandelt worden war, als – verhinderte – Attentäterin zurückkehrte. »Ich hatte bis dahin immer geglaubt, daß jeder, dessen Leben wir gerettet haben, ein Botschafter für eine friedliche Koexistenz sein würde. Daß dies nicht so ist, war für mich wie ein Stich ins Herz.«
In der Versorgung von Anschlagsopfern mit ihrer spezifischen Mischung von Verletzungen – Verbrennungen, Knochenbrüche, Wunden durch Bombensplitter und herumfliegende Gegenstände, oft begleitet von Schockzuständen und psychischen Traumata – sind Ärzte und Pfleger von Hadassah weltweit führende Experten geworden. Ihr Rat ist bei Kollegen und Behörden begehrt. »Beispielsweise nach den Anschlägen in London wurden wir um Ratschläge gebeten«, sagt Mor-Josef. Auch bei der medizinischen Hilfe Israels im Tsunami-Gebiet in Südostasien oder nach dem Erdbeben in der Türkei spielten Hadassah- Experten eine wichtige Rolle. »Wir sind gern bereit, unser Wissen zu teilen«, sagt Mor-Josef und betont, daß die Spenden für Hadassah aus der ganzen Welt kommen.
Daß Katastrophen und der Einsatz in Zeiten des Terrors dazu beitragen, ist Mor-Josef bewußt. Trotzdem spricht er lieber darüber, was der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit bei Hadassah ist: medizinische Ausbildung und Forschung. Hadassah ist eines der weltweit führenden Zentren für die Stammzellforschung. Ethische Bedenken hat Mor-Josef nicht bei diesem Gebiet. »Wir haben einen Bestand von Embryos im Gefrierfach, die nicht eingepflanzt werden. Wir können mit ihnen forschen und damit eventuell eines Tages Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Multiple Sklerose heilen. Die Alternative ist, die Embryos wegzuwerfen. Was ist ethischer?« Auch in der Krebsforschung, bei genetischen Therapien und moderner Operationstechnologie etwa bei Hüfttransplantationen setzt Hadassah Maßstäbe. Daß die Organisation für ihren Einsatz im vergangenen Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, zeige Respekt für Israel, sagt Mor-Josef. Respekt, den er sonst oft vermißt, sogar in der Wissenschaft. »Es ist offensichtlich, daß israelische Forscher unter der Hand in vielen Ländern der Welt aus politischen Gründen boykottiert werden«, sagt der Mediziner.
Schlomo Mor-Josef wurde in Israel geboren. Sein Vater stammt aus Marokko. Nach dem Medizin-Studium bei Hadassah praktizierte er als Gynäkologe und erforschte Krebsformen bei Frauen, bevor er vor 15 Jahren in die Administration wechselte. Bevor er als Direktor zu Hadassah zurückkehrte, leitete er das Soroko-Hospital in Beerschewa. Den Anspruch, durch Medizin die Welt zu verbessern, muß Mor-Josef niemandem verkaufen – er gehört zu seiner Biographie. Als Soldat diente er in einer Panzereinheit. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 verlor er seinen Bruder. Der Vater seiner Frau stammte aus Görlitz, entkam dem Holocaust und wurde ein Experte für unterirdische Wasserkammern am Technion in Haifa. Vor 15 Jahren wurde er als Tourist in Ägypten bei einem Anschlag getötet. Schlomo Mor-Josef selbst hat eine Tochter und drei Söhne. Einer von ihnen verlor als Wehrdienstleistender in Betlehem ein Auge – ein Stein hatte ihn getroffen. Schlomo Mor-Josef hätte genügend Gründe, nicht an eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern zu glauben. Und doch arbeitet er für diese Zukunft, jeden Tag.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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