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David oder Hiob?

Die Rede vom Helden und vom Heroischen ist heute – überraschenderweise? – inflationär geworden: Wir
nennen Fußballspieler Helden, Filmstars sowieso, aber auch befreite Geiseln oder Altenpfleger. In der verflossenen DDR ehrte man offiziell »Helden der Arbeit«. Bei uns spricht man von Heroen des Alltags. Als ob gerade die demokratisch-egalitäre Gesellschaft permanent nach Helden giert, nach dem Außergewöhnlichen. Auch den Opfern der Anschläge auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 wurde der Status von Helden zugesprochen, wie inzwischen auch den letzten Überlebenden der Schoa. Warum eigentlich? Weil sie überlebt haben? Weil sie gelitten haben? Was also macht den Helden aus?

Anti-Opfer »Das Leiden allein macht noch keinen Helden«, meint Jan Philipp Reemtsma. Schoa-Überlebende wie Ruth Klüger, Primo Levi oder Jean Améry hätten zwar spezielle Autorität durch das, was sie erlebt und durchlitten haben. Wir sollten ihnen deshalb »in besonderer Weise zuhören, sie wissen nämlich etwas über die Welt als solche, das wir nicht wissen«. Zu Helden im Sinne des klassischen Kanons – von Achill bis Bruce Willis – mache sie das aber nicht. Reemtsmas Vortrag, der kürzlich eine Tagung am Potsdamer Einstein-Forum eröffnete, in der nach dem Heroischen im postheroischen Zeitalter gefragt wurde, ist ein guter Anlass, auch einmal über jüdische Vorstellungen vom Heroischen nachzudenken.
Im amerikanischen Kino tauchen gerade in neuen Filmen, die vor dem Hintergrund der Schoa angesiedelt sind, eine ganze Reihe jüdischer Figuren auf, die so gar nicht dem bisherigen Hollywood-Stereotyp der Juden als Opferlämmer und Nachfolger Hiobs entsprechen: Quentin Tarantinos Inglorious Basterds, der im August in die deutschen Kinos kommt, erzählt von einer fiktiven jüdischen Spezialeinheit, die 1944 Jagd auf Nazis macht und ein Attentat auf Hitler plant. Kein Geringerer als Brad Pitt verkörpert hier den ironischen, coolen, nie seine Souveränität verlierenden Helden. In diesem Frühjahr sah man Edward Zwicks Film Defiance über

die Bielski-Partisanen, jene fast durchgehend jüdische Gruppe von über 1.000 Freischärlern, die seit 1941 in den weißrussischen Wäldern gegen die Deutschen kämpften. In seine Darstellung ihres Führers Tuvia Bielski trug Daniel Craig den trotzigen Heroismus aus seinen Rollen als James Bond und als Mossad-Agent in Spielbergs Munich hinein, und zog alle Register eines Hollywood-Heros. Regisseur Zwick zitierte Moses und zeigte das Leben der Partisanen in den Wäldern als Modell einer besseren Gesellschaft – eine Erinnerung an Israels Gründungsideale und die Kibbuzim.

muskeljuden Israel hatte schon früh seine eigene Ikonografie des Heroischen ausgebildet. Sieht man heute offizielle Fotografien der ersten Jahre, fallen die Ähnlich- keiten auch zur Ästhetik des sozialistischen Realismus ins Auge. Schöne, junge, starke, wenn es sein muss wehrhafte Männer und Frauen wirken mit am Aufbau des jüdischen Staates. Das war auch ein bewusstes Gegenbild zu den Dokumentaraufnahmen der ausgemergelten Überlebenden aus den Lagern, die nach 1945 die Schoa ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt hatten. Kamen Überlebende des Völkermords nach Israel, wurden sie dort nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen, sondern oft schief angesehen. Sie passten nicht ins heroische Selbstbild des jungen Staates.
Zur »finest hour« Israels und seiner Heldenbilder wurde der Sechstagekrieg 1967. Mosche Dajan, hervorragender Soldat, brillant, intelligent, charmant, dessen Charisma noch durch seine – heroische? – Augenklappe perfektioniert wurde, stand stell- vertretend für das Bild eines dynamischen, kämpferischen Israel – wie einst in der Bibel der durch Cleverness und Mut siegreiche David.

müde kämpfer Doch längst ist diese Ikonografie in ihren Grundfesten erschüttert. 2007 erzählte Joseph Cedars Film Beaufort vom Nahostkonflikt im Stil eines Science-Fiction wie Alien oder Solaris: Mit atonalem Elektro-Piepen unterlegt, begleitet der Zuschauer fünf israelische Soldaten durch eine Wüsten- und Bunkerlandschaft. Angst und Depression sind allgegenwärtig. Soldaten als verlorene Seelen. Subtiler noch ist Ari Folmans Waltz with Bashir. Die gefeierte Animations-Doku benutzt die Mittel des Unterhaltungskinos – schnelle Schnitte, Popmusik, Humor – um die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen. So entsteht das surreale Bild des Libanonkriegs 1982 als einer Mischung aus Naivität und Zynismus. Folman zeigt unvorbereitete Männer, die in einen brutalen Kampf geführt wurden, dem sie militärisch wie moralisch kaum gewachsen sind. Den Endpunkt bildet das Massaker von Sabra und Shatila, dessen Augenzeuge Folman wurde – eine Schuld, die er bis heute nicht vergessen kann. Kein Heldentum, nirgends.

Narzissten Beaufort und Waltz with Bashir sind Zeichen der Zeit. Gewaltausübung an sich ist heute in Verruf geraten, weil man weiß, dass sie selbst diejenigen beschädigt, die aus gerechten Gründen eine Waffe in die Hand nehmen. Das ist gewiss eine Errungenschaft der zivilen Gesellschaft. Trotzdem fällt es den meisten von uns immer noch leichter, einen tapferen David als Helden zu bewundern als einen duldsamen Hiob. Bleibt die Frage, warum sich demokratische Gesellschaften so sehr nach Helden sehnen? Und wie man mit dieser Sehnsucht umgeht? Es könnte, das legt zumindest Reemtsma nahe, ein anthropologisches Bedürfnis nach Heldentum geben: In der Figur eines Helden bewunderten wir dessen immer spürbare Selbst- liebe, seinen Narzissmus – auch stellvertretend für unseren eigenen. »Wir bewundern Menschen als Helden wegen der asozialen Triebe, die sie in den Dienst sozialer Tugenden stellen. Wäre das anders, dann würden wir bloß Resultate schätzen.«
Darum liebt man im Kino Bruce Willis so sehr. Seinen Figuren merkt man an, dass es ihnen nicht nur um den Ernst der Pflichterfüllung geht. Willis’ Ernst wird immer wieder durch Ironie gebrochen. Vielleicht sollten wir uns auch den heroischen David mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vorstellen. Denn nicht einmal Fußballhelden sind – siehe Zinedine Zidane – immer ungebrochen.

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