Tora

Das Wichtigste zuerst

von Rabbiner Shlomo Riskin

Eine Episode in unserem Wochenabschnitt wirft eine Reihe von Fragen auf. »An dem Tag, wenn ihr über den Jordan zieht in das Land, das der Herr, dein G’tt, dir gibt, sollst du große Steine aufrichten, sie mit Kalk bestreichen und alle Worte dieser Weisung darauf schreiben. (...) Wenn ihr über den Jordan zieht, sollt ihr diese Steine, die zu errichten ich euch heute befehle, auf dem Berg Ebal aufrichten. Mit Kalk sollst du sie bestreichen. Dort sollst du dem Herrn, deinem G’tt, einen Altar bauen, einen Altar aus Steinen. Du darfst nicht mit Eisenwerkzeug daran arbeiten. Aus unbehauenen Steinen sollst du den Altar des Herrn, deines G’ttes, bauen, und auf ihm sollst du Brandopfertiere für den Herrn, deinen G’tt, verbrennen. (...) Und auf die Steine sollst du in schöner Schrift alle Worte dieser Weisung schreiben« (5. Buch Moses 27, 2-6).
Warum wurde den Israeliten auferlegt, nach der Überquerung des Jordan die ganze Strecke bis zum Berg Ebal, mit Blick auf Sichem, hinaufzuziehen, 210 Meilen mitten durch Feindesland? Wieso die Eile, nach Sichem zu kommen, nachdem sie 40 Jahre lang durch die Wüste wanderten? Warum ist es der erste Punkt auf der Tagesordnung, die Tora auf zwölf Steine zu schreiben, und warum ausgerechnet in Sichem?
Awraham, so lesen wir im ersten Buch der Tora, befolgt das Gebot G’ttes, sein Land, seinen Geburtsort und das Haus seines Vaters zu verlassen. »Abram nahm seine Frau Sarai mit, mit seinem Neffen Lot und all ihre Habe. (...) Sie wanderten nach Kanaan aus und kamen dort an. Abram zog durch das Land. (...) Die Kanaaniter waren damals im Land. (...) Dort baute er dem Herrn einen Altar und rief den Namen des Herrn an« (1. Buch Moses 12, 5-7).
Mit der Ankunft in Sichem, so erläutert der Gaon von Lutzk, Rabbi Salman Sorototzkin (1881–1966), Verfasser von Osnajim leTora, bekräftigen die Israeliten die Tatsache, dass sie in Israel keine Neuankömmlinge sind, dass ihre historischen Wurzeln zu Awraham zurückreichen. Ägypten war ein vorübergehender Aufenthalt, jetzt aber kehren sie zurück, um das Erbe Awrahams neu zu begründen. Nicht die Obstbäume, Vegetation, Klima, Topografie oder die Schönheit des Landes haben sie zur Rückkehr nach Israel bewogen. Außerdem ist Sichem einer der drei Orte, neben Hebron und Jerusalem, für den bares Geld bezahlt wurde; nach seinem langen Aufbruch aus Aram, dem Land Labans, kehrte Jakow nach Kanaan zurück und kaufte ein offenes Feld, Sichem, für 100 Kesita.
Diese Kombination aus Tradition (Awrahams erster Aufenthalt im verheißenen Land) und Gesetz (Jakows Kauf des Feldes) macht Sichem einzigartig unter den Städten Israels. Wenn die Auswanderer aus der Wüste als Erstes nach Sichem gehen, ist das ungefähr so, als wenn Reisende vom Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen sofort zur Klagemauer gebracht werden, noch bevor sie ihre Koffer ausgepackt haben.
Aber es ist nicht nur eine Geschichtslektion. Erinnerte Vergangenheit wird zukünftiges Schicksal, denn auch wenn das Recht der Juden auf das Land historisch begründet ist, können sie in dem Land nicht leben und an ihm festhalten, wenn sie die ethischen, moralischen und rituellen Gebote der Tora nicht einhalten. Gips ist dem natürlicher Verfall unterworfen, und die Menschen müssen beständig dafür sorgen, dass er nicht zu Staub zerbröckelt. Die Tora ist das Mittel, mit dem wir gewährleisten, dass Israel nicht nur die Grabstätte unserer Vergangenheit ist, sondern die Heimat unserer Zukunft bleiben wird.
Wenn also die Besucher am Jordan-Terminal ankommen, werden sie (zu Fuß) nach Sichem verfrachtet, wo sie ein ganz spezielles Lernprogramm erwartet. Erstens die Urväter und ihre Fußabdrücke; zweitens: Wenn die Tour vorbei ist, ist es die Tora längst nicht. Und drittens: Die Tora ist viel mehr als ein Stammesbesitz, der hinter Schloss und Riegel gehalten werden muss.
Die Verse, die davon handeln, wie die Juden die zwölf Steine errichten, enden mit den Worten: be’er hetev, das heißt wörtlich: »verständlich erläutert«. Raschi zitiert aus der ersten Mischna, Kapitel 7 im Traktat Sota und kommentiert: be’er ketev bedeutet, dass die Tora »in 70 Sprachen« geschrieben sei, was die 70 Nationen symbolisiert. Anders gesagt: Die Weisen verstanden, dass zu den Bedingungen für die Besiedelung des Landes auch die Verpflichtung gehörte, die Tora über die ganze Welt zu verbreiten.
Israel als Nationalstaat erfüllt einen ganz bestimmten Zweck. Die Reise Awrahams hat mit einer einzigen Familie begonnen und wurde von den Nachfahren fortgesetzt. Die Anweisungen an die Israeliten bezüglich der zwölf Steine jedoch bekräftigen noch einmal den Leitgedanken, dass die Botschaft Awrahams unerlässlich ist für die gesamte Menschheit. Dies ist daher der dritte Bund G’ttes mit Israel: Im Bund »zwischen den Stücken« hat G’tt Israel als Nation begründet; am Berg Sinai begründete G’tt Israel als Religion; und mit Sichem begründete G’tt Israel als seinen Zeugen gegenüber der Welt.
Natürlich haben Kommentatoren oft die Frage gestellt, wie es möglich ist, die ganze Tora auf zwölf Steine zu schreiben, und das in 70 Sprachen. Nachmanides zitiert zwei Anschauungen: Die eine behauptet, nur die 613 Gebote seien niedergeschrieben worden, nicht die gesamte Tora. Der zweiten Interpretion gemäß wurde die ganze Tora, vom Anfang bis Ende, aufgezeichnet – entweder seien die Steine riesig gewesen, oder es habe sich um eine wundersame Schreiberleistung gehandelt. Rabbi Boruch HaLevi Epstein schreibt in seinem Kommentar Tora Temima, es seien nur die Zehn Gebote aufgeschrieben worden. Die logischste Erklärung scheint zu sein, dass die universellen humanistischen Gebote, die im Kontext dieses dritten Bundes formuliert werden (5. Buch Moses 27, 15-26), auf die Steine geschrieben wurden. Diese Gesetze sind zum großen Teil identisch mit den sieben Noachidischen Geboten der Moral. Und schließlich schreibt der Ktav VehaKabala (Rabbi Jacob Zvi Mecklenberg) im Namen seines Sohnes, dass das Schma Jisrael auf Stein aufgezeichnet wurde.
Diese letzte Interpretation ist am bemerkenswertesten. Immerhin lautet die Botschaft des Schmas, unsere Verantwortung als Königreich der Priester-Lehrer bestehe darin, dafür zu sorgen, dass G’tt, der jetzt lediglich der Herr Israels ist, von der ganzen Welt angenommen wird. Ganz gleich also, ob wir zum Wunderbaren (die ganze Tora in 70 Sprachen) neigen oder eher zu der rationalen Erklärung, dass nur entscheidende Abschnitte, wie etwa die Zehn Gebote, die Noachidischen Gebote oder das Schma, in den Stein geritzt wurden – klar ist, dass unser Schicksal in diesem Land mit dem aller Nationen der Welt verbunden ist. Wir müssen ein Königreich der Priester-Lehrer sein, um der Welt einen G’tt der Moral und des Friedens zu bringen! Vielleicht ist das der Grund, weshalb Israel, Kreuzungspunkt der Kontinente, das verheißene Land ist und nicht Australien oder Neuseeland. In dem Augenblick, als wir den Jordan überquerten, lehrte G’tt uns, dass wir nicht bloß unseretwegen hier sind, sondern um die Welt unter der Königsherrschaft unseres G’ttes der Liebe und des universellen Gesetzes zu vervollkommnen.

Der Autor ist Kanzler von Ohr Torah Stone und Oberrabbiner von Efrat, Israel.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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