»Rechnitz

Das Verdrängen

von Miryam Gümbel

Theaterstücke, die in den Münchner Kam-
merspielen auf die Bühne kommen, haben häufig Themen zum Inhalt, die zum Nach-
denken und einem genaueren Hinsehen auf das Sujet anregen, ja geradezu herausfordern. Ganz besonders gilt das für das Stück »Rechnitz« von Elfriede Jelinek.
Rechnitz ist eine österreichische Gemeinde an der ungarischen Grenze. Dort, wo Hitler in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges noch den sogenannten Südostwall errichten lassen wollte, wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 zwischen 180 und 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn erschossen. Diesem Thema widmet sich das Theaterstück. Nicht den Fakten an sich, sondern dem Verdrängen. Für das Kulturzentrum der IKG war dies ein Anlass, gemeinsam mit den Kammerspielen einzuladen zu einer Podiumsdiskussion rund um das Thema Rechnitz. Geschichte und Gegenwart wurde den Besuchern im Hubert-Burda-Saal mit dem Dokumentarfilm von Regisseur Eduard Erne aus dem Jahr 1994 vor Augen geführt. Die Bewohner des Or-
tes äußern sich hier zum Geschehen, allerdings weniger konkret als mit »geschwätzigem Schweigen«, wie es Erne am Po-
dium formulierte. So sind die Leichen der Ermordeten trotz jahrelanger Bemühun-
gen noch immer nicht gefunden. Mit Enre am Podium sprachen unter Diskussions-
leitung des Publizisten Karl-Otto Saur der Historiker Michael Brenner und Jossi Wieler, der als Jelinek-Regisseur bekannt ist. Eine Kostprobe des Textes der No-
belpreisträgerin lasen die Darsteller der Kammerspiele, Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl. Das Massaker von Rechnitz hat auch deshalb besondere Aufmerksamkeit bekommen, weil es im Laufe eines »Gefolgschaftsfests« auf Schloss Rechnitz geschah, zu dem alle namhaften Gestapo- und SS-Größen der Gegend eingeladen waren. Gastgeberin war die Schlossherrin Margit von Batthyány, Tochter Heinrich Thyssens.
Dieses Fest ist Aufhänger für das Stück von Elfriede Jelinek. Verfremdet durch eine Umsetzung in Botenberichte – in den Kammerspielen in der Bearbeitung von Wieler verteilt auf fünf Personen – wird die Situation in dieser Nacht dargestellt. Durch Wortspiele und das Wecken von Assoziationen wird das Publikum immer wieder neu aufgefordert, sich der Thema-
tik zu stellen. Mitunter wird der Eindruck erweckt, die Teilnehmer der Jagdgesell-
schaft träten persönlich auf, berichteten das eigene Erleben. Der schnelle Wechsel in die Betonung der Botenrolle der Schau-
spieler stellt dies dann wieder infrage. Wieler, der das Sechs-Stunden-Stück auf zwei Stunden verdichtet hat, beschreibt diese Situation bei der Diskussion in der IKG mit den Worten: »Über Sprache und Sprachwitz wird alles wieder zugeschüttet.« Genau dieses »sagt man« oder »habe gehört« nimmt den Zuschauer jedoch auch in die Pflicht des Nachdenkens. Ein Nachdenken, zu dem Eduard Erne auch die Zeitzeugen in seinem Dokumentarfilm anregen wollte. Im Mittelpunkt dieses Films steht die Suche nach den Leichen der ermordeten Juden. Es geht nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigung. Die Menschen, die zu Kriegsende in Rechnitz lebten, könnten dazu beitragen, sie zu finden. Doch keiner kann oder will das. Auch hier dominiert die Berufung auf das Gehörte. Konkret wird dies nur, wenn einige bestätigen, die Schüsse gehört zu haben. »Jeder schweigt anders«, kommentierte Brenner auf dem IKG-Podium diese Situation. Und Erne ergänzt dies: »In dem Jelinek-Stück wird das, was ich in der Sprache der Zeitzeugen, in der Ver-
schwiegenheit, in dem, wie man der Wahr-
heit ausweicht, erlebt habe, in der Kunst-
form der Bühne ausgedrückt.«
Neben der Personalie Margit von Batthyány und damit verbunden dem öffentlichkeitswirksamen Namen Thyssen beschäftigt das Podium auch die Frage, warum der im Jelinek-Stück vorhandene Sex-and-Crime-Aspekt so stark fasziniert. Warum reicht der Skandal des Mordens nicht? Werde damit nicht der Schoa noch das »letzte Tröpfelchen des Grauens« entzogen? Michael Brenner meinte dazu: »Wir brauchen nicht erstaunt darüber sein. Weil viel gut dokumentiert ist, suchen die Leute nach etwas Neuem, Sensationellem. Das ist noch eine neue Geschichte.« Was vom Theaterstück, dem Film und der Podiumsdiskussion bleibt, ist das Schweigen. Ein Schweigen, das verhindert, dass die Opfer ein wenn auch spätes Begräbnis nach der jüdischen Religion finden. Die noch lebenden möglichen Zeugen in Rechnitz aber, so Erne, verweigerten ihnen dieses: »Sie können mit den Opfern nicht umgehen. Und so finden wir sie auch nicht.«
Weitere Aufführungen von »Rechnitz« sind in den Kammerspielen für den 6. und 27. Februar angekündigt.

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