Beziehungen

Das UN-Verhältnis

von Clemens Wergin

Eigentlich hatte die Beziehung zwischen Israel und den Vereinten Nationen gut angefangen. Die UN waren mit dem Beschluss vom 29. November 1947, einen jüdischen und einen arabischen Staat im britischen Mandatsgebiet Palästina zu gründen, die Hebamme Israels. Zwei Jahre später wurde der neu gegründete Staat dann auch in die Weltorganisation aufgenommen – und ist ein Außenseiter geblieben: Das einzige Land, das bis zum Jahr 2000 keiner der mächtigen Regionalgruppen angehören durfte, weil die arabischen Staaten seine Aufnahme in den asiatischen Block verhinderten. Nun, mit der neuen Unifil-Mission im Libanon und einem neuen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon könnte aber ein positiveres Kapitel der Beziehungen beginnen.
Das setzt einen grundlegenden Wandel der UN voraus. Israel ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Lieblingsfeind vieler UN-Komitees und der Generalversammlung geworden. Dort hat sich stets eine Mehrheit arabischer, muslimischer und blockfreier Länder gefunden, um Israel für alles Mögliche zu verurteilen. Eine »Sonderbehandlung«, die 1975 in die berüchtigte (inzwischen zurückgenommene) Resolution 3379 mündete, die den Zionismus als eine Form von Rassismus brandmarkte.
Mit ihrem Geld, ihren vielen von antiisraelischen Interessen dominierten Kommissionen, ihrer moralischen Autorität und der Aufmerksamkeit, die ihr in der Weltöffentlichkeit zuteil wird, haben die UN maßgeblich dazu beigetragen, dass Israel zu so etwas wie dem »kollektiven Juden« der Weltpolitik geworden ist: Ein Außenseiter, dem man gerne die Schuld für alles Mögliche in die Schuhe schiebt. Gerade wenn es um den Nahen und Mittleren Osten geht.
Sicher gibt es an Israels Politik viel zu kritisieren. Aber das Vergrößerungsglas der UN, gepaart mit einer oft propagandistisch verstärkten Einseitigkeit, ist von einem Ärgernis zu einem veritablen moralischen Skandal geworden. Sogar Kofi Annan sah sich am Ende seiner Amtszeit genötigt, für mehr Fairness zu plädieren. »Unterstützer Israels empfinden, dass es zu harsch und mit Maßstäben gemessen wird, die nicht auf seine Feinde angewandt werden. Zu oft entspricht das der Wahrheit, besonders in manchen UN-Unterorganisationen.«
Schon 1975 erhielt die PLO permanenten Beobachterstatus in der UN. Damals war sie noch eindeutig eine Terrororganisation. Kein Volk hat pro Kopf je so viel Geld von der UN bekommen und so viele Komitees wie die Palästinenser, mit deren Schicksal sich etwa 20 Unterorganisationen der UN befassen. Einige mit der klaren Zielsetzung, als propagandistischer Lautsprecher der PLO zu dienen. Das beste Beispiel ist die Menschenrechtskommission. Sie war im Laufe der Zeit zu einem Forum geworden, das von den schlimmsten Menschenrechtsverbrechern selbst genutzt wurde, um die Verurteilung ihrer eigenen Regi- me zu verhindern – egal ob es sich um China, Russland oder Libyen handelte. Das kleine und auf der internationalen Bühne machtlose Israel musste deshalb als Ausweis herhalten, dass sich die Kommission doch mit den Menschenrechten befasste. Wobei stets die Aktionen Israels verdammt werden, nicht aber die zum Teil terroristischen Methoden der Gegenseite. Das hat sich auch mit dem neuen Menschenrechtsrat nicht geändert. Man muss nicht über intime Kenntnisse der UN-Interna verfügen, um wie Pedro A. Sanjuan in seinem Buch Die UN-Gang zu dem Schluss zu kommen, dass die antiisraelische Obsession der UN längst auch Formen von Antisemitismus angenommen hat.
Angesichts dieser Vorgeschichte kam es überraschend, dass nun gerade die UN den Norden Israels vor Hisbollah-Attacken aus dem Libanon schützen sollen. Tatsächlich handelt es sich um eine Chance für die Weltorganisation, ihr beschädigtes Verhältnis zu einem Staat wieder gerade zu rücken, den sie einst selbst ins Leben gerufen hat. Für Israel war die verstärkte internationale Schutztruppe der einzige Ausweg, um aus einem schlecht geführten Krieg noch strategischen Gewinn zu ziehen, sprich, der Hisbollah zu verwehren, in ihre alten Stellungen zurückzukehren.
Der Streit über Israels Überwachungsflüge im Libanon macht deutlich, dass sich beide Seiten noch nicht an ihre Rollen gewöhnt haben. Die UN tut so, als sei Israel das Problem im Libanon und nicht die Hisbollah. Israel verhält sich weiter so, als seien die UN ein Feind statt ein Partner, mit dem man sich abstimmen sollte. Tatsächlich ist die Unifil-Mission im Libanon ein Test, ob die UN im Friedensprozess in Nahost in Zukunft eine größere Rolle spielen können. Etwa, indem sie Truppen stellen, um den Gasa-Streifen stabilisieren zu helfen und nach einem Friedensvertrag zwischen Israelis und Palästinensern auch die Grenze zum Westjordanland zu schützen. Viel wird davon abhängen, ob der neue UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein neues Kapitel in den Beziehungen aufschlägt und sich von den quasi theologischen Überzeugungen seines Apparats hinsichtlich Israels verabschiedet. Falls nicht, würde Israel nach einem Friedensschluss weit besser mit der Nato als Garantiemacht fahren.

Der Autor ist Meinungsredakteur beim Berliner »Tagesspiegel«.

Ankara

Türkei bricht Handelsbeziehungen zu Israel ab

Der Handel der Türkei mit Israel belief sich im Jahr 2023 noch auf mehrere Milliarden US-Dollar. Nun bricht die Türkei alle Handelsbeziehungen zu Israel ab. Doch es ist nicht die einzige Maßnahme

 29.08.2025

Geburtstag

Popstar der Klassik: Geiger Itzhak Perlman wird 80

»Sesamstraße«, »Schindlers Liste« und alle großen Konzertsäle der Welt natürlich sowieso: Der Geiger gehört zu den ganz großen Stars der Klassik. Jetzt wird er 80 - und macht weiter

von Christina Horsten  29.08.2025

Bonn

Experte: Opfer mit Bewältigung von Rechtsterror nicht alleinlassen

Der erste NSU-Mord liegt beinahe 25 Jahre zurück. Angehörige der Opfer fordern mehr Aufmerksamkeit - und angemessenes Gedenken, wenn es um rechtsextreme Gewalt geht. Fachleute sehen unterschiedliche Entwicklungen

 29.08.2025

Frankfurt am Main

Michel Friedman will nicht für TikTok tanzen

Es handle sich um eine Plattform, die primär Propaganda und Lügen verbreite, sagt der Publizist

 28.08.2025

Geburtstag

Holocaust-Überlebende Renate Aris wird 90

Aris war lange stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und Präsidiumsmitglied des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. 1999 gründete sie den ersten jüdischen Frauenverein in den ostdeutschen Bundesländern

 25.08.2025

Nahost

Alabali Radovan besucht Palästinensergebiete: Hilfe im Fokus

Die Entwicklungsministerin will in Tel Aviv diese Woche Angehörige von Geiseln treffen und das Westjordanland besuchen

 25.08.2025

Würzburg

AfD-Mann Halemba wegen Volksverhetzung vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft wirft dem bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Halemba auch Geldwäsche und Nötigung vor

von Angelika Resenhoeft, Michael Donhauser  21.08.2025

Ehrung

Ravensburger-Stiftung ehrt Bildungsstätte Anne Frank mit Preis

Es werde eine herausragende Bildungsinitiative gewürdigt, teilte die Stiftung mit

 20.08.2025

Athen

Israelische Firma übernimmt griechischen Rüstungsbauer

Griechenlands größter Hersteller von Militärfahrzeugen ist nun komplett in israelischer Hand. Die strategische Zusammenarbeit im Verteidigungssektor wird damit weiter vertieft

 20.08.2025