Übungssache

Das liebe Horn

Die Wünsche und Hoffnungen, die jedes neue Jahr zu seinem Beginn begleiten, mögen unterschiedlich sein, die Klänge sind es nicht: Wie in der Tora vorgeschrieben, werden während des Gottesdienstes zu Rosch Haschana 100 Schofar-Stöße geblasen. Ihnen zuzuhören, ist die wichtigste Mizwa dieses Hohen Feiertages.
Der Schofar, üblicherweise das Horn eines koscher geschlachteten Widders, kennt insgesamt vier Töne, die in der Länge variieren. Doch wo kann man es kaufen? Erste Anlaufstelle ist für den Laien das Judaica-Versandhaus Doronia. Der kleinste Schofar – für Kinder geeignet oder für zu Hause kostet hier 39 Euro. Nicht so preiswert ist die jemenitische Variante aus Antilopenhorn, das nicht nur das längste sondern auch mit 109 Euro das teuerste ist. Wieviel Schofarot sie verkaufen, gibt Doronia nicht an. Die Rabbiner sprechen hingegen gern über das einzigartige Instrument und woher sie es bekommen haben.

Geburtstagsgeschenk Seinen ersten Schofar bekam Avichai Apel schon als kleiner Junge, »von meiner Oma, zum Geburtstag«. Und hat fleißig geübt. Das tut er auch heute noch. »Sicher muss man trainieren«, sagt Mordechai Apel, und das nicht nur vor dem jüdischen Neujahrsfest, »man muss mit einem Schofar immer üben, denn der Klang hängt natürlich von der Lungenkapazität und der richtigen Atemtechnik ab. Auch die Halacha verpflichtet den Kantor und denjenigen, der den Schofar blasen wird, vor den Feiertagen das Gebet zu wiederholen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Man soll sich dann ganz auf die Wörter konzentrieren können und eben nicht mehr auf das Blasen.«
Geübt wird zu Hause oder in der Synagoge, wobei der benutzte Schofar – der vor Jahrtausenden auch benutzt wurde, um die Krönung eines neuen Königs anzuzeigen – durchaus unterschiedlich ausfallen kann: Aschkenasische Juden benutzen ein gebogenes Widderhorn ohne Mundstück, sefardische Juden dürfen eines mit einfachem Mundstück verwenden, jemenitische Juden benutzen das Horn der Kudu-Antilope. Hörner von Kühen oder Ochsen werden dagegen nicht als Schofarot verwendet. Auch wenn Avichai Apel heute mehrere Schofarot besitzt, hält er das erste Horn von Oma natürlich in Ehren.
Und benutzt es, denn wenn Rabbiner Apel beispielsweise den Kindern im Kindergarten das Schofarblasen erklärt, bringt er immer mehrere Hörner mit. Natürlich könnten schon die Kleinsten lernen, den Instrumenten die richtigen Töne zu entlo-
cken, sagt er. »Man muss ihnen nur zeigen, wie man Zunge und Lippen einsetzt und dabei richtig atmet.« Die Herausforderung »macht ihnen dann richtig Spaß«.
Zu Rosch Haschana kommen die Kinder dann in die Synagoge, um den an diesem Tag vorgeschriebenen Schofar-Tönen, den »Tekiot Mussaf«, während des Gottesdiens-
tes zu lauschen, »für eine Stunde, sonst wäre die Zeit für die Kleinen viel zu lang«.
Für den richtigen Klang seines Horninstruments sorgt Apel mit – Wodka. »Wichtig ist, den Schofar vor dem Neujahrsfest mit Wodka zu füllen«, erklärt der Rabbiner, »denn dann kann man nicht nur überprüfen, ob sich Risse gebildet haben, er hat dann einfach eine bessere Stimme. Diesen Tipp habe ich vor vielen Jahren von meinem Rabbiner bekommen, jeder richtige Bal Tekiah, Schofarbläser, kennt ihn.«
Doch am liebsten wäre ihm natürlich, wenn das Horn sicher gelagert werden könnte. Darum wünscht sich Rabbiner Apel schon lang, »dass endlich mal je-
mand einen Instrumentenkoffer für Schofarot erfinden würde. Da warte ich nun schon seit mehr als 20 Jahren drauf.«
Ein beschädigtes Instrument, so erklärt der Kölner Rabbiner Yaron Engelmayer, darf nicht mehr verwendet werden, deswegen ist der richtige Umgang mit dem Horn sehr wichtig: »Für die Pflege des Schofars in der Gemeinde ist das Rabbinat zuständig. Der Schofar soll in einem sicheren, trockenen Ort gelagert sein, nichts Schweres darf daraufgelegt werden, damit kein Riss entsteht.«
In der Stuttgarter Gemeinde gebe es durchaus »ein paar Schofarot«, sagt Rabbiner Netanel Wurmser, »aber ich habe meinen eigenen.« Einen eigenen, wohlgemerkt, nach dem er sehr lange gesucht habe. »Im Prinzip ist jeder Schofarton koscher«, erklärt Wurmser, »aber es gibt eben auch Exemplare, bei denen man sich sehr abmühen muss, bis ein Ton herauskommt. Und weil es sicher nicht toll ist, wenn man vor der Gemeinde steht und nichts passiert, wollte ich ein besonders leichtgängiges haben.« Außerdem sei es ihm wichtig gewesen, dass das Mundstück passte, »je nachdem, wie es geschliffen ist, kann die Kante nämlich schon sehr hart sein«.

könnerschaft Kennt ein Rabbiner, der schon oft Schofar geblasen hat, vor Rosch Haschana noch so etwas wie Lampenfieber? »Das ist eine sehr schwierige Frage«, antwortet Wurmser, »denn es handelt sich ja nicht um eine folkloristische Angelegenheit, sondern ein Gebot der Tora, ein heiliger Tag, und da geht es um die Ausübung einer Mizwa.« Trotzdem sei da natürlich auch immer eine gewisse Spannung, denn »man möchte es ja gut machen, und die Leute sind natürlich auch sehr kritisch«.
Wann Wurmser seinen ersten Schofarton hörte, kann er nicht mehr sagen. »Es war wohl irgendwann in meiner Kindheit, zu Hause in Israel. Aber ich kann von einem Schofarblasen erzählen, das ich nie vergessen werde: Beim Sechstagekrieg, als die israelische Armee in die Altstadt gegangen ist, hat der damalige Oberrabbiner Schlomo Goren Schofar geblasen. Ich war noch ein Kind und habe am Radio zugehört – und dieses Schofarblasen ist mir ein ganz besonders unvergessliches Erlebnis.«

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