Judenhass unter Muslimen

»Das ist ein relativ neues Phänomen«

Herr Özdemir, die Amadeu-Antonio-Stiftung dokumentiert in einer am vergangenen Montag veröffentlichten Broschüre den offenen Judenhass unter Muslimen in Deutschland. Was macht dieses Phänomen aus?
özdemir: Die Mechanismen von Ausgrenzung und Abwertung sind gruppenübergreifend ähnlich. Oftmals kommt muslimischer Antisemitismus, wie zum Beispiel auch der linke Antisemitismus, im Gewand der Israelkritik daher, nimmt aber parallel auch Juden in die Verantwortung für das, was man – zu Recht oder zu Unrecht – als falsch an der israelischen Politik empfinden kann. Dabei sollen alle Juden in eine Art Sippenhaft genommen werden. Es gibt die intellektuell-verbrämte Form in manchen Verbänden und Medien, bei denen es heißt: »Wir haben ja nichts gegen Juden, aber ...«. Und die vulgäre Form, die man in U- oder S-Bahnstationen sieht, wo Menschen mit Kippa angegriffen werden.

Ist muslimischer Antisemitismus beson-
ders gefährlich?
özdemir: Er ist nicht mehr oder weniger ge-
fährlich als der Antisemitismus von Rechtsradikalen oder der der »antizionistischen Linken«. Das ist auch keine muslimische Erfindung. Es handelt sich um ein relativ neues Phänomen in der sogenannten islamischen Welt. Nichtsdestotrotz muss man sich damit auseinandersetzen und ihn bekämpfen.

Woher kommen die antisemitischen Klischees? Die meisten Muslime haben hier überhaupt keinen Kontakt zu Juden.
özdemir: Das stimmt. Sicher spielt der Konflikt im Nahen Osten eine große Rolle. Er dient aber auch als Projektionsfläche für antisemitische Einstellungen und wird oft missbraucht. Denn nicht jedem, der über Palästinenser oder Araber spricht, geht es um die Verbesserung ihrer Lebensumstände. Oftmals ist es auch eine beliebte Ausrede, um das Feindbild Westen und Israel zu kultivieren.

Also gäbe es auch ohne den Nahostkonflikt immer noch diese Feindbilder?
özdemir: Davon muss man ausgehen. Es wäre aber leichter und wünschenswert, wenn dieser Konflikt gelöst werden könnte. Nicht nur wegen des Antisemitismus, sondern auch wegen des Friedens im gesamten Nahen Osten und auch in der Welt. Aber selbst, wenn eine Zweistaatenlösung Erfolg hat, würden nicht alle verstummen, die das Existenzrecht Israels infrage stellen.

Mit dem Vorsitzenden von Bündnis 90/
Die Grünen sprach Katrin Richter.

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