Marokko

»Das Haus war über mir eingestürzt«

Frau Baziz, Ihr vor wenigen Wochen in Israel erschienenes Buch über das verheerende Erdbeben im marokkanischen Agadir im Jahre 1960 trägt den Titel »Hagada Agadir«. Warum dieser Titel?
baziz: Hagada ist die Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Ich erzähle die Geschichte der Juden von Agadir und ihrem Exodus nach Israel.

Was ist in Agadir passiert?
baziz: Bis zur Nacht des 29. Februar 1960 war Agadir eine pulsierende Stadt. Man nannte sie das »Miami von Afrika«. In jener Nacht wurde die Stadt durch ein Erdbeben zerstört. Das war die größte Naturkatastrophe seit dem Erdbeben von Lissabon 1755.

Sie haben das Beben als Kind miterlebt?
baziz: Ja. Ich war damals zehn Jahre alt. Bis zu jener Nacht hatte ich eine sehr glückliche Kindheit. Mein Vater war Direktor einer französischen Bank in Agadir und ein sehr angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde. Er starb bei diesem Erdbeben mit 49 Jahren. Ebenso meine ältere Schwester.

Woran erinnern Sie sich?
baziz: Als es losging, um 23.40 Uhr, lag ich im Bett. Ich wachte auf und konnte nichts sehen. Steine lagen auf mir. Da entdeckte ich ein Loch über meinem Kopf, durch das ich nach draußen klettern konnte. Das Haus war über mir zusammengestürzt. Nun stand ich in meinem weißen Nachthemd auf der Spitze der Trümmer unseres Hauses, wie auf einer Pyramide. Am nächsten Tag brachte die französische Armee mich und meinen kleinen Bruder nach Casablanca in ein Krankenhaus. Wir wurden so schnell evakuiert, weil man uns für Franzosen hielt. Sie wussten nicht, dass wir Juden waren.

Wie viele Überlebende gab es?
baziz: Damals wohnten 40.000 Menschen in der Stadt. Etwa ein Drittel kam bei dem Erdbeben um. Die jüdische Gemeinde hatte rund 2.300 Mitglieder, nur 800 überlebten.

Wann kamen Sie nach Israel?
baziz: Zwei Jahre später, 1962. Ursprünglich wollte meine Familie nie nach Israel. Marokko war sehr sicher für Juden. Ganz besonders Agadir. Aber für meine Mutter hatte sich alles geändert. Sie gehörte zur High Society und hatte nun gar nichts mehr. Zwei Jahre lang trug sie nur Schwarz und wollte in der Nähe der Gräber meines Vaters und meiner Schwester sein. Danach sind wir nach Israel gegangen, weil wir hier Verwandte hatten.

Was gab den Ausschlag zu Ihrem Buch?
baziz: 2002 veranstaltete die Ben-Gurion-Universität in Beer Schewa einen Abend über das Erdbeben von Agadir. Einer der Organisatoren bat mich, über meine Erinnerungen zu sprechen. Ich wollte zuerst nicht, denn ich hatte nie zuvor davon erzählt. Es waren etwa 70 Überlebende aus Agadir da. Nach dem Vortrag wurde mir klar, dass ich ein Buch schreiben muss. Denn über die Erfahrung der Überlebenden ist bisher noch nichts geschrieben worden.

Wie sind Sie dann vorgegangen?
baziz: Ich habe mir von der Universität die Adressen aller Teilnehmer geben lassen und sie angeschrieben. Nicht nur in Israel, auch in Frankreich, Marokko oder in Kanada. Dann bin ich herumgereist und habe die Leute interviewt. Für die meisten war es das erste Mal, dass sie darüber geredet haben.

Gab es auch Leute, die nicht mit Ihnen sprechen wollten?
baziz: Einige schon. Andere wollten zwar reden, brachten aber nichts heraus oder fingen an zu weinen. Sie haben die Erlebnisse nie verarbeitet.

Wer hat Ihre Studie finanziert?
baziz: Ich musste alles selbst bezahlen – Telefongespräche, Reisen, Arbeitszeit, Bücher, Dokumente, antiquarische Zeitungen aus Israel, Marokko und Frankreich.

Wie oft waren Sie selbst in Agadir?
baziz: Zuerst 1991. Da habe ich zum ersten Mal das Grab meines Vaters gesehen. Seit 2001 fahre ich ein- oder zweimal im Jahr dahin. Ich habe dort viele Freunde unter jungen Muslimen gewonnen.

Mit der Autorin sprach Ingo Way.

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