uri siegel

»Das habe ich vom Militär«

Eine weitläufige Cousine von mir hat sich einmal beschwert, ich würde alles so anekdotisch erzählen. Richtig und gut so! Wer will sich langweilen? Ich erzähle gerne. 1922 in München geboren …, na ja, da gibt es einiges zu berichten. Ich bin als Zeitzeuge gefragt, obwohl ich sagen würde, dass ich gar keiner bin. Denn ein Zeitzeuge ist im Grunde etwas Passives. In Schulen gehe ich nicht. Ich entspreche nicht dem Bild des verfolgten Juden. Ich habe ja nur ein Jahr lang das Naziregime miterlebt, dann sind wir weg. Aber hier und da bin ich an Dokumentarfilmen beteiligt. Einer wird jetzt bald fertig, da geht es um Emigration, und dann ist noch etwas über Wiedergutmachung in Arbeit. Mit der Zeit bekommt man Routine, vor der Kamera zu stehen.
Ich mische mich gerne ein. Bis heute. Gleichgültig, ob es um die Stolpersteine geht, die ich ablehne, oder etwas anderes. Allerdings habe ich aufgehört, Leserbriefe zu schreiben. Sie wurden nie gedruckt oder sonst irgendwie beachtet. Einmal hat der Israelkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, Thorsten Schmitz, in einem Artikel behauptet, Ehud Olmert sei der erste zivile Ministerpräsident Israels. Ich bitte Sie! Da musste ich einen Leserbrief schreiben. Er wurde nie veröffentlicht. Allerdings bekam ich eines Tages einen Anruf aus Tel Aviv. Thorsten Schmitz war am Apparat. Er hat sich bei mir entschuldigt, mir seine Telefonnummer gegeben und gesagt, ich solle mich melden, wenn ich mal wieder im Lande sei. Immerhin. In Israel war ich zum letzten Mal vor fünf Jahren. Ich reise nicht mehr so gerne dorthin, ich finde es wahnsinnig stressig. Als ich das letzte Mal zurückgeflogen bin, musste ich um Mitternacht ins Sammeltaxi steigen. Meine Frau hatte in Israel viel Verwandtschaft. Von meiner Seite lebt nur noch meine ältere Schwester dort. Sie leidet an Demenz. Aber was soll man machen?

leseratte Viel Zeit verbringe ich mit Le-sen. Ich lese den Spiegel, alle zwei Wochen den Jerusalem Report und natürlich die Süddeutsche. Da zuerst »Die Seite Drei« mit der Reportage und das »Streiflicht«, das in seiner Qualität allerdings nachgelassen hat. Ich lese ein bisschen beim Frühstück und dann erst wieder am Abend, meistens beim Fernsehen, weil mich der Fernseher alleine nicht auslastet. Ich mag ausgefallene englische Literatur, die niemand kennt, Krimis, Bücher über die Politik des Mittleren Ostens.
Eine Leseratte war ich schon immer. Bevor wir 1934 ausgewandert sind, hatten wir unsere Wohnung aufgegeben und sind zu meiner Tante in die Leopoldstraße gezogen. Die besaß eine riesige Bibliothek mit Erstausgaben. Aber die haben mich nicht so interessiert. Was mich angesprochen hat, waren sämtliche Ausgaben des Simplicissimus. Anstatt Hausaufgaben zu machen, habe ich den Simplicissimus studiert. Das hat natürlich mein Weltbild geprägt. Später, als Schüler in einem Kibbuzinternat in Palästina, galt ich als Intellektueller, und man hat mich zum Bibliothekar gemacht. Zu tun hatte ich nichts. Dieses Internat war marxistisch ausgerichtet. Es gab dort viele polnische Juden, galizische Juden, die in Wien aufgewachsen sind und Freudianer waren. Also hatten wir in unserer Bibliothek die Zeitschrift Psyche. Alle Jahrgänge. Und die habe ich mir vorgenommen.

familiengeschichte Ich lebe allein. 1992 ist meine Frau gestorben. Beruflich bin ich bis heute aktiv. Weniger als Anwalt, sondern mehr als Dolmetscher und Übersetzer für Hebräisch. Ich dolmetsche in Gerichtssachen oder wenn junge Leute aus Israel hier studieren wollen. Dann muss man beispielsweise die Abiturzeugnisse übersetzen. Nichts Schöngeistiges, reine Bürokratie. Aber das macht viel Arbeit.
Mein Vater kam aus einer Juristenfamilie, mein Großvater war königlich-bayerischer Justizrat. Der Vetter meines Vaters, Michel Siegel, war der, den man im März 1933 mit einem Schild um den Hals durch die Straßen getrieben hat. Das Foto kennt man. Meine Mutter stammte aus einer Kaufmannsfamilie, einer ihrer Brüder war der erste Präsident vom FC Bayern, Kurt Landauer. Vom Fußball hat Onkel Kurt zu Hause nicht viel gesprochen. Das tat eher seine Frau. »Heut’ wird’s anstrengend, heut’ geht’s gegen Kaiserslautern«, hieß es dann zum Beispiel. Ich war nie Mitglied beim FC Bayern. Warum sollte ich?

stadtleben Geboren wurde ich in Schwabing. Später sind wir nach Bogenhausen übersiedelt. Die Familie von Thomas Mann wohnte ganz in unserer Nähe. Ich erinnere mich aber nur noch an die Tochter Monika. Die hatte so ein tolles Auto. Das hat mich beeindruckt. Thomas Mann weniger. Vielleicht hätte mir sein Hund gefallen. Ich habe es nämlich mit Hunden.
Nach dem Vorfall mit Michel Siegel hat mein Vater sofort unsere Auswanderung nach Palästina beschlossen. Er war Zionist. Meine Eltern kauften sich ein Grundstück am Carmel, und einen Tag nach Purim, das muss der 1. oder 2. März 1934 gewesen sein, waren wir schon in Palästina. Dort ging ich zur Oberschule in Haifa. Ich war mit Ezer Weizmann, dem späteren Staatspräsidenten, in einer Klasse. Im März 1942 bin ich zum englischen Militär gegangen. Meine Einheit ist zur jüdischen Brigade gekommen. Nach meiner Entlassung im Juni 1946 habe ich angefangen, Englisches Recht zu studieren. Ich bin Anwalt geworden. 1957 kam ich zurück nach München und habe mich um Wiedergutmachungsfragen gekümmert. Später habe ich das israelitische Kirchensteueramt geleitet. Ab 1971 dann war ich Geschäftsführer des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden. Hin und wieder besuche ich Veranstaltungen der Gemeinde, eigentlich, weil es eine schöne Gelegenheit ist, sich wieder mal zu treffen. Zum Landesverband habe ich fast keinen Kontakt mehr.
Um fit zu bleiben, gehe ich viel zu Fuß. Mit einem Schrittzähler! Alle zwei Wochen mache ich mich auf den Weg in die Bibliothek. Bibliotheken sind etwas Großartiges. Außerdem versuche ich, jeden Tag mindes-tens 15 Minuten auf meinem elektronischen Klavier zu spielen. Meistens gelingt mir das auch. Ich spiele gerne Klassik, Volkslieder, englische, irische, schottische, deutsche. Israelische weniger, die erinnern mich zu sehr an die Jugendbewegung, wo es üblich war, gemeinsam zu singen. Das hat mir nie gefallen.
landluft In Schondorf am Ammersee besitze ich eine Zweitwohnung, dort steht auch ein Klavier. In der Regel bin ich am Wochenende dort. Früher war ich gerne segeln, aber das ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Da draußen habe ich gute Freunde, das sind gestandene Bayern. Die Frau des Hauses kocht mit großem Eifer. Und wenn sie für die Familie kocht, wird ein Teil eingefroren für mich, und das nehme ich dann mit. Manchmal bereite ich mir auch selbst etwas zu, zum Beispiel Leber. Und Schuhe putze ich selbst. Sich zu versorgen, das habe ich beim Militär gelernt. Beim englischen Militär war es von größter Wichtigkeit, dass man aufgeputzt und rasiert war und die Haare geschnitten waren. Und, dass man exerzieren konnte. Die Begeisterung für so etwas habe ich wohl von meinem Onkel geerbt, der im Ersten Weltkrieg Artillerieoffizier war. Er hat oft für mich im Sand Stellungen nachgebaut. Und ich habe kleine Männchen aus Knete dazu gemacht. Ich wollte unbedingt auch zur Artillerie. Mein Onkel hatte das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse, was ihn aber nicht vor dem Tod im KZ bewahrt hat.
Natürlich interessiere ich mich für den Demjanjuk-Prozess. Die Sache wird sich ziehen. Wenn das öffentliche Interesse ein wenig nachgelassen hat, werde ich mir das mal anhören. Darüber wird es bestimmt Frühling werden.

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