Abschiedsfeier

Das Fenster der jüdischen Welt schließt

Im sparsam geschmückten Münzenberg- Saal der Rosa-Luxemburg Stiftung in Berlin herrscht munteres Treiben: Händeschütteln, Umarmungen, Wiedersehensfreude. An der Rückwand leuchtet ein gro- ßes »Wir« auf blauem Grund, der Titel des jüngst erschienenen Buches über 20 Jahre Jüdischer Kulturverein Berlin (JKV). Eine Chronik ohne Fortsetzung, denn der Verein ist gerade dabei, sich aufzulösen.
Etwa 130 Gäste sind gekommen, um den JKV-Abschied zu einem fröhlichen Fest zu machen. Viele sind weit über 70 Jahre alt. Das offizielle Programm ist kurz: Rabbiner David Kern von der Lauder Foundation eröffnet den Nachmittag. Dann lässt die Vorsitzende, Irene Runge, einige Höhepunkte Revue passieren und fordert die Gäste auf, sich weiter für die Ziele des Vereins einzusetzen.
Die Fotografen stehen bereit: Denn im Blitzlichtgewitter schneiden Petra Pau (Die Linke), Andreas Poetke vom JKV-Vorstand und Gerhard Baader, Synagogenvorsteher in der Oranienburger Straße, eine riesige Jubiläumstorte in Form eines aufgeschlagenen Buchs an. Eine Hälfte ist säkular alkoholisch, eine für gläubige Muslime alkoholfrei – und für orthodoxe Juden gibt es einen eigenen koscheren Kuchen. »Catering to all tastes« als Gestaltungsprinzip?
Wohl nicht – aber beim JKV trafen sich Ostberliner Intellektuelle, russisch-jüdische Zuwanderer, Künstler, Politiker und Publizisten. Vorläufer des in Berlin-Mitte ansässigen Vereins war die 1986 gegründete Ostberliner Gruppe »Wir für uns – Juden für Juden«. In der langsam zerbröckelnden DDR suchten Ostberliner Juden, deren Mütter oder Väter zu den wichtigsten Antifaschisten des Landes gehörten, nach ihren kulturellen und historischen Wurzeln. Offenbar in jede Richtung, denn schon 1987 entstand Kontakt zur chassidischen Chabad-Bewegung, die ihr Zentrum in Brooklyn hat.
Irene Runge, selbst im amerikanischen Exil geboren, erzählt sogar von einem persönlichen Treffen mit deren Oberhaupt, dem Rebben Menachem Mendel Schneerson, im Jahre 1989. Dieser prophezeite die baldige Wiedervereinigung und empfahl, dass der Verein mit der West-Berliner Gemeinde zusammenarbeiten sollte.
Tatsächlich profilierte sich der JKV nach der politischen Wende eher für eine säkulare, links orientierte Zielgruppe, die in der rasch vereinten, von Westberlinern dominierten Jüdischen Gemeinde vieles vermisste. Die Mitglieder brachten nun auch ihre Eltern mit, die nach dem Scheitern der DDR vor einem Scherbenhaufen standen. Ihnen eine neue Heimat zu geben, wurde eine der Hauptleistungen des Vereins.
Menschen verschiedenster Herkunft kamen ins Gespräch – es ging um geplatzte Träume, aktuelle politische Herausforderungen, aber auch mögliche Visionen. Andrée Fischer-Marum erinnert sich, wie sie zum Verein gekommen ist: Zunächst wollte sie vor allem ihre Mutter begleiten. Sie blieb und trug dazu bei, dass der Verein mit über 4.000 Veranstaltungen – Vorträgen, Festen und vielem mehr – ein »Fenster zur jüdischen Welt«, zur Vergangenheit und zu linker Politik und Kultur bot.
Im Februar 1990 brachte der Jüdische Kulturverein gemeinsam mit der »Initiative Frieden und Menschenrechte« am Runden Tisch der DDR den Antrag ein, sowjetische Juden, die aus ihrem Land flohen, ohne Vorbedingung aufzunehmen. Das war ein wichtiger Schritt hin zur »Kontin-gentflüchtlingsregelung«. Viele von ihnen fanden zunächst im Kulturverein Rechts- und Sozialberatung. Von 1991 bis 1998 erschien auch die Vereinszeitschrift »Jüdische Korrespondenz« in einer russischen Ausgabe. Ab 2001 standen die multikulturellen Projekte im Mittelpunkt.
Irgendwann merkte Runge, dass der Verein kaum mehr gefragt ist. Dass die Älteren blieben, aber Jüngere nicht mehr kamen, habe sie zu spät begriffen. Die Jüdische Gemeinde und das jüdische Leben in Berlin seien so vielfältig geworden, dass der Verein nicht mehr gebraucht werde. »Wir werden die schönste Erinnerung der Nachwendezeit sein«, so Irene Runge
Jens Neumann-Schliski

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026