Ilja Udler

»Damals war ich fünf«

von Vera von Wolffersdorff

Ein groß gewachsener, schlanker junger Mann tritt durch die Eingangstür der Israelitischen Kultusgemeinde München auf die Straße hinaus. Sein braunes Haar spitzelt unter der Schirmmütze hervor, die er über seine Kippa gezogen hat, er trägt kurze Koteletten. Einen Meter 87 mißt er derzeit, aber – wie er ein paar Minuten später bei einer Tasse Tee in einem nahegelegenen Coffeeshop grinsend erzählt –, er rechne damit, noch ein bißchen größer zu werden. Dabei hebt er eine Hand Richtung Kinn, sein Arm wirkt auffällig lang für seinen Körper: Ein schlaksiger Gymnasiast, der ernst und konzentriert aus braunen Augen in die Welt schaut. Beim Sprechen huscht hin und wieder ein Strahlen über sein Gesicht. Dann sieht er ganz entspannt aus, das Abwartende, die Zurückhaltung, die er sich offenbar auferlegt hat, verschwindet.
Der junge Mann heißt Ilja Udler. Er spricht eher leise: »Ich kann nicht am Akzent erkennen, woher jemand stammt. Aber es gibt Menschen, die können sofort sagen, woher genau aus Rußland oder der Ukraine jemand kommt.« Und bei mir hört man offenbar auch, daß ich aus Moskau komme.» Doch dazu sind besonders geschulte Ohren vonnöten. Sein Akzent klingt weich, eigentlich ist er kaum hörbar. Aber er ist da.
Gerade mal 18 Jahre ist Ilja alt. Seit einigen Tagen besucht er die zwölfte Klasse, das Abitur rückt in greifbare Nähe. Was er werden will, weiß er, wie vermutlich die meisten seiner Mitschüler, noch überhaupt nicht. «Meine Noten in Mathe sind schlechter geworden», gibt er zu und blickt ein bißchen zerknirscht zur Seite, «bisher dachte ich, ich studiere was Technisches, aber nun? Wir fangen jetzt mit Wirtschaft an, darauf bin ich gespannt. Vielleicht das. Ich weiß es einfach noch nicht.»
Wie er da am Tisch im Coffeeshop sitzt, scheint es beinahe so, als ob er auf der Hut wäre: Nichts Falsches sagen, keinen falschen Eindruck erwecken. Doch in seinem mittelblauen Polohemd mit dunkelblauem Kragen, den Jeans und den braunen Turnschuhen macht er an und für sich einen ganz unkomplizierten Eindruck.
Ilja Udler war fünf, als seine Eltern mit ihm 1993 von Moskau nach München zogen. Wie die Wohnung, in der er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte, aussah, daran erinnert er sich noch heute. Auch an das Auto, das seine Eltern zu jener Zeit fuhren. Aber an mehr auch nicht. Sein Vater hatte als Ingenieur für Elektrotechnik gearbeitet. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das Leben in Moskau zunehmend schwierig. Banden herrschten auf den Straßen, Geiselnahmen waren an der Tagesordnung, die Zukunft schien mehr als ungewiß. So beschlossen die Eltern auszuwandern. Zunächst wollte die Familie nach Israel, ein Container mit Hausrat und Möbeln war bereits verschickt. Doch buchstäblich im letzten Moment bliesen die Udlers die Reise ab. «Das war 1991, als der erste Golfkrieg gerade ausbrach. Und meine Mutter wollte zu dieser Zeit unter keinen Umständen nach Israel emigrieren.»
Statt dessen kamen sie dann nach Deutschland. Wieso ausgerechnet München? «Zufall», glaubt Ilja. Er vermutet, seine Mutter habe auf dem Zettel, den sie ausfüllen mußte, um die Ausreise zu beantragen, einfach alle deutschen Großstädte aufgeschrieben, die ihr gerade in den Sinn kamen. Und so landeten die drei dann in Bayern. Für den Vater war es anfangs nicht leicht, Arbeit zu finden. «In Rußland hat man Elektroteile, die kaputtgingen, repariert. Hier schmeißt man sie halt weg», beschreibt Ilja das berufliche Dilemma des Vaters damals, als sie nach Deutschland kamen. Der junge Mann
zuckt mit den Achseln, Verluste gehören zum Schicksal vieler Emigranten: «Mein Großvater leitete ein großes Unternehmen in Moskau. Er hat seinen Posten auch aufgegeben, als er auswanderte.» Die Sicherheit für Leib und Leben, die die Familie im Exil suchte, brachte finanzielle Risiken mit sich. Heute arbeitet Iljas Vater für eine Firma, die Geschäftsbeziehungen mit Rußland unterhält. «Da ist es natürlich perfekt, daß er so lange in Rußland gelebt hat», sagt Ilja.
Die Familien beider Eltern stammen aus den verschiedensten Ländern und Gegenden der ehemaligen Sowjetunion, alle waren sie Juden. Ilja interessiert sich sehr für seine Familiengeschichte, die zugleich ein Stück jüdischer Geschichte ist. Und er findet darin einen Großteil seiner eigenen Identität. In der IKG möchte er sich nun verstärkt um die Jugendarbeit kümmern. Es macht ihm Spaß anderen Kindern und Jugendlichen, den Jüngeren, etwas von dem weiterzugeben, was er selbst dort gelernt und erfahren hat. Jüdische Traditionen weiterzutragen, in und mit ihnen zu leben und sich darüber mit anderen zu verständigen, darin sieht er eine Aufgabe für sich.
Gleich nach der Ankunft in Deutschland kam er in den jüdischen Kindergarten, später in die jüdische Grundschule. Den Religionsunterricht besuchte er weiter, auch als er auf ein städtisches Gymnasium wechselte. Natürlich hat er viele Freunde, die keine Juden sind. Mit einem türkischen Mitschüler, der eine Koran-Schule besucht, diskutiert er über islamischen Fundamentalismus. Aber er fühlt sich als Jude. Und es überrascht ihn, wie schlecht viele der deutschen Schüler über die jüngere deutsche Vergangenheit Bescheid wissen: «Ich bin aufs Willi-Graf-Gymnasium gegangen, Willi Graf war ja Mitglied der Weißen Rose. Trotzdem wissen viele Schüler nur wenig über das Dritte Reich.»
Mit neun Jahren sah er mit seiner Grundschulklasse zum ersten Mal das ehemalige Konzentrationslager in Dachau, mit dem Zug keine Stunde von München entfernt. «Aber bis ich kapiert habe, was da passiert ist, das dauerte, das kam erst ein paar Jahre später. Damals hatte ich das nicht wirklich begriffen», erinnert sich Ilja. Er schüttelt den Kopf. Das Bewußtsein entwickelt sich eben erst mit der Zeit.
Für wie religiös hält er sich selbst? «Na ja», antwortet Ilja, «schon ziemlich.» Er beschreibt sich als konservativ. Das liberale Judentum mit seinen diversen Schrift-Auslegungen gefalle ihm nicht so gut. Es ist ihm wichtig, irgendwann einmal eine Jüdin zu heiraten. Noch steht das zwar nicht zur Debatte. Aber, daß es eine Jüdin sein soll, darauf legt er Wert. Und, natürlich, er esse koscher – im Gegensatz zu seinen Eltern. Deshalb habe er zu Hause auch eigenes Geschirr und Besteck. Seine Eltern konnten ihr Judentum in der Sowjetunion nicht wirklich praktizieren, manche Sitten und Gebräuche seien ihnen fremd. Umso mehr sieht sich Ilja berufen, die unterbrochene Beziehung zur Religion wiederherzustellen.
München sei «schon irgendwie seine Heimat», meint Ilja. Aber er sieht sich in Zukunft woanders leben: «Das ist nur so eine Ahnung», behauptet er. Vielleicht in Israel, vielleicht in den USA. In beiden Ländern leben Familienangehörige, Moskauer Verwandte wanderten dorthin aus. Und auch Ilja zieht es in die weite Welt hinaus. Von Israel ist er restlos begeistert. «Es gibt dort so unendlich viel zu sehen, das Land ist so vielseitig, es ist so groß, und irgendwie kommen mir die Menschen da vertraut vor», sagt er, und sein Gesicht bekommt einen schwärmerischen Ausdruck. Die Menschen, die in Israel wohnen, und ihre verschiedenen Lebensgeschichten faszinieren ihn. Dort zu studieren, kann er sich bestens vorstellen. Zunächst steht aber eine Reise in die USA an, Verwandte besuchen, aber auch, um sein Englisch zu verbessern. Ilja spricht neben Deutsch, Russisch, Hebräisch und Englisch auch Französisch: «Nicht alles sehr gut», erklärt er bescheiden, «aber ich kann mich immerhin verständigen.»
Während der vergangenen Kriegswochen verbrachte er 14 Tage in Israel, die meiste Zeit davon in Jerusalem. Anders als ursprünglich geplant, fuhr er nicht in den Norden des Landes, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Doch Angst hatte er keine. Was hierzulande in den Medien berichtet wurde, hält Ilja für übertrieben: «Der Krieg war ja in Wahrheit nur im Norden, nicht wie so viele Leute denken, überall im ganzen Land.» Und sein Schicksal habe man ohnehin nie vollständig in der Hand. Da hilft ihm nicht zuletzt der Glaube: Er gibt Ilja Sicherheit fürs Leben.

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