ilana kissin

»Da weht ein frischer Wind«

Seit Kurzem habe ich eine neue Stelle. Meine Woche ist zurzeit sehr anstrengend. Es ist ein Vollzeitjob in der Rechtsabteilung der Kreisverwaltung Bergisch-Gladbach. Wir fangen spätestens um 8 Uhr an, und es geht bis zum Abend. Im Moment mache ich Überstunden und nehme mir sogar noch Arbeit mit nach Hause. Ich muss neue Computerprogramme kennenlernen und mich in etliche Rechtsfragen noch einfuchsen. Momentan komme ich weder zum Lesen noch zum Sport. Aber meine Arbeit ist interessant, und die erfahrenen Kollegen unterstützen mich.
Es geht nicht nur um Gesetze, sondern ich habe auch Kontakt mit Menschen. Natürlich müssen die Gesetze befolgt werden, aber wir haben Ermessensspielraum. Diese Entscheidungsfreiheit finde ich sehr spannend. Seit meiner Kindheit in Riga habe ich einen geschärften Gerechtigkeitssinn. Ich habe immer bemerkt, wenn Menschen ungerecht behandelt wurden und wollte dagegen angehen, egal, wo ich war. Das hat sich so tief eingeprägt, dass es für mich klar war, dass ich Jura studieren will.
Im Öffentlichen Dienst arbeiten nicht viele Migranten. Aber in meinem Amt, so scheint es mir, ist der Anteil ziemlich hoch. Da sind zum Beispiel Deutsche aus Polen und Rumänien oder Türkischstämmige, die hier geboren sind. Ich finde, da weht ein frischer Wind.
Ich war 13 Jahre alt, als meine Eltern Lettland verließen. Und deshalb sehe ich manches anders als die Einheimischen. Meinem Beruf kommt das zugute. Ich kann mich leicht hineinversetzen in Menschen mit Migrationshintergrund, denn ich habe Ähnliches erlebt, als ich nach Deutschland kam. Menschen, die hier aufgewachsen sind, kennen manche sozialen Probleme nicht aus eigener Erfahrung.
Beim Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, was ich unter »Teamfähigkeit« verstehe. Da habe ich erzählt, dass ich fünf Jahre lang beim Sicherheitsdienst der Kölner Synagogengemeinde gearbeitet habe. Teamfähigkeit ist das A und O dieser Auf-gabe. Ich war eine der ersten Frauen dort. Knapp zwei Jahre habe ich sogar die Abteilung im neuen Gemeindezentrum geleitet.
Alle meine Kollegen waren Männer. Unser Ausbilder war super, ihm lag dieser Beruf sehr am Herzen. Er hat gleich am Anfang gesagt: »Denk nicht, dass du das eine Zeit lang machst, und das war es dann. Das lernt man fürs Leben.« Er hatte recht. Ich habe es mir angewöhnt, auf Menschen zu achten. Ich schaue sie mir sehr genau an.

studentenbund Während des Studiums war ich im Vorstand des Bundes jüdischer Studenten in Köln. Unser Ziel war es, junge Menschen ins Gemeindeleben zu integrieren. Wir haben alle eingeladen, die in der Gemeinde als Mitglied geführt werden und im passenden Alter waren. Auch manche Bekannte, die keine Mitglieder sind. Gerade die jungen Leute mit russischem Hintergrund kommen nicht oft in die Gemeinde. Religion war nie Teil des Lebens der russischen Juden. Deshalb ist es schwierig.
Aber das Gemeindeleben ist natürlich nicht nur ein religiöses. Es gibt verschiedene Veranstaltungen, Single-Partys, Diskussionen. Wir haben jüdische Filme geguckt, sind essen gegangen oder Schlittschuhlaufen. Wir haben auch Schabbat gefeiert, aber auf einem etwas anderen Niveau, um es den Leuten näherzubringen. Der Gottesdienst war nicht so lang, und der Rabbiner hat etwas erzählt, während wir gegessen haben. Mich hat das angesprochen.
Ich bin jetzt 31. Vor ein paar Monaten habe ich geheiratet. War das ein großes Projekt! Die Vorbereitungen haben ein halbes Jahr gedauert. Wir hatten etwa 70 Gäste eingeladen und haben alles selbst organisiert, vor allem meine Mutter und ich. Mein jetziger Mann war damals schon voll berufstätig. Das Besondere an unserer Hochzeit war, dass wir den religiösen mit dem nichtreligiösen Teil verbunden haben. Es war schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen: der Religion gerecht zu werden und nach unseren russisch-säkularen Traditionen zu feiern. Wir haben uns zu einer ganz traditionellen Hochzeit mit Rabbiner und Chuppa entschieden. Wir mussten eine gewisse Vorbereitung durch- laufen. Die Rebbezin unterwies mich in den Aufgaben einer jüdischen Frau. Einiges wusste ich, anderes nicht – es war sehr interessant. Drei oder vier Stunden lang hat uns der Rabbiner erzählt, wie wichtig die Zeremonie und der Ehevertrag sind. Sogar meine Mutter war dabei, um zu erfahren, wie das Ganze abläuft.

feier Es wurde dann also die Ketuba unterschrieben und vorgelesen. Der Vorstand war auch da und hat aufgepasst, dass alles seine Richtigkeit hat. Danach gab es jüdische Tänze, bei denen Mann und Frau getrennt tanzen. Einige der Gäste essen strikt koscher, daher haben wir uns sehr viel Mühe gegeben, Koscheres und Nichtkoscheres zu trennen und aufzupassen, dass es ja nicht durcheinander kommt.
Danach war die säkulare Feier mit zahlreichen russischen Elementen. Bei uns in der früheren Sowjetunion war es üblich, dass die Freunde vieles vorbereiten zum Beispiel eine Festzeitung. Und es gab viele Reden. Es kamen Verwandte aus Riga und Amerika, und alle wollten gratulieren. Meine Mutter hat ein Gedicht geschrieben, und Alexander, mein Mann, hatte ein Über-raschungsgeschenk vorbereitet: ein Lied für mich. Er spielt Gitarre und zusammen mit einem Freund sang er von Jerusalem. Ich war sehr gerührt.
Unsere Hochzeitsreise müssen wir aufschieben, denn ich bin noch in der Probezeit. Meine Eltern haben uns die Reise geschenkt. Wir dürfen wählen, wohin es geht. Irgendwohin weit weg, denke ich. Im Augenblick sind wir noch dabei, uns in der neuen Wohnung einzurichten. Da wir wäh-rend der Woche zu nichts kommen, gibt es am Wochenende immer viel damit zu tun. Kinder haben wir nicht. Vielleicht später. Jetzt geht erst mal der Beruf vor.

kochbuch Die ganze Woche lang freue ich mich auf Freitagabend. Da zünden wir die Kerzen an, oft kommen meine Eltern vorbei, und ich versuche, etwas zu kochen. Mein Mann hat mir neulich ein jüdisches Kochbuch geschenkt, und meine ersten Gefilte Fisch haben gut geklappt.
Ich bin nicht religiös aufgewachsen, ich empfinde mich eher als traditionell. Erst in Deutschland bin ich mehr mit der Religion in Berührung gekommen, mir scheint, das Jüdischsein wird hier eher als Religionszugehörigkeit betrachtet. Meine Eltern hatten mich in Riga aufs jüdische Gymnasium geschickt, dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Das war das erste jüdische Gymnasium in der Sowjetunion, 1989 eröffnet. Wir lernten Jiddisch und Hebräisch, jüdische Kultur und Geschichte. Es war aber keine religiöse Schule. Wir hatten Lehrer aus Israel und wurden sehr zionistisch erzogen. Das Ziel war, dass wir nach Israel auswandern, zumindest denke ich das im Nachhinein. Die Hälfte meiner Mitschüler, wenn nicht gar mehr, hat in den 90ern tatsächlich Alija gemacht.
In der Schule hatten wir dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das Jüdischsein ohne religiösen Hintergrund. Wir waren stolz, trugen große Davidsterne, obwohl das damals gefährlich war. Die Sowjetunion existierte noch, und der Antisemitismus war stark, aber wir haben im Bus extra laut auf Jiddisch vorgelesen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, an dieses Bewusstsein, dass wir irgendwie anders sind und zusammengehören. Ich dachte, Juden würden einander immer helfen. Oh ja, das war schon ein tolles Gefühl damals.

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