Angriff

Countdown in Teheran

von Ulrich Sahm

Für manche Kommentatoren ist er schon Gewissheit: der israelische Angriff auf die iranischen Atomanlagen. So schrieb Aluf Benn in der Zeitung Haaretz – unter Berufung auf »hohe Beamte«, die »angeblich« Gespräche führten –, dass die Amerikaner über israelische Vorbereitungen »spekulierten« und den Israelis den Überflug des Irak verweigerten, um Ziele im Iran zu bombardieren. Beim Thema iranische Atombombe lässt sich schwer zwischen Fakten, Spekulationen und innenpolitisch motivierten Wahlkampfsprüchen unterscheiden.
Schon 2003 wurden bei einer Parade in Teheran Schihab-3-Raketen präsentiert, mitsamt der Aufschrift »Israel muss entwurzelt und ausgelöscht werden«. Eine Tatsache und nicht etwa eine misslungene Übersetzung sind die Drohungen von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Israel »von der Landkarte« zu wischen oder von den »Seiten der Geschichte« zu löschen. Tatsache ist auch die iranische Uran-Anreicherung in Natanz. Hoch angereichertes Uran wird nur für Atombomben benötigt und keinesfalls für die Stromerzeugung. Israelische Iran-Experten reden von dem noch nicht erreichten »Punkt ohne Wiederkehr«. Gemeint ist jener Augenblick, da der Iran über genügend angereichertes Uran verfügt, um eine Atombombe bauen zu können.
Einen weiteren Grund zur Sorge lieferte Anfang dieser Woche der Start einer iranischen Trägerrakete vom Typ »Safir Omid« (Hoffnungsbote). Die Rakete soll nach iranischen Angaben Satelliten ins All transportieren, stellt aber auch eine Weiterentwicklung des Waffenprogramms dar. Eine Flugübung der israelischen Luftwaffe, die bis zum 1.300 Kilometer entfernten Kreta sichtbar war, wurde schon als israelische Vorbereitung für einen Schlag gegen den Iran interpretiert. Doch schon lange vor der iranischen Bedrohung haben die Israelis Flugübungen bis Sizilien gemacht. Es ist also militärische Routine. Die Annahme, dass Israel Atomwaffen einsetzen könnte, ist ebenso Spekulation. Israel hat niemals den Besitz von Atombomben eingestanden und nie damit gedroht. Zwecks Abschreckung macht Israel nur diffuse Andeutungen.
Bekannt ist dagegen die Redefreudigkeit israelischer Politiker. Als Verkehrsminister Schaul Mofaz, zur Zeit im parteiinternen Wahlkampf um die Nachfolge Ehud Olmerts, über die Notwendigkeit eines Militärschlags gegen den Iran redete, stieg der Ölpreis an den Weltbörsen auf Rekordhöhe. Kaum beachtet wurde jedoch der Rüffel von Ministerpräsident Olmert zum Auftakt der Kabinettsitzung am Sonntag danach: Mofaz möge sich doch bitte nur um seinen Amtsbereich kümmern.
Israel setzt auf internationale Diplomatie und Sanktionen, um Iran am Bau einer Bombe zu hindern, gleichzeitig schließt es wie Bush und Sarkozy »keine Option« aus. Jenseits der EU-Grenzen gehört Säbelrasseln eben noch zum Repertoire diplomatischer Drohmittel. Wie Israel nun wirklich vorgehen wird, bleibt Spekulation, solange derartige Beschlüsse höchster Geheimhaltung unterliegen. Das war schon so bei der Bombardierung eines syrischen Reaktors im September 2007. Der israelische Angriff kam aus heiterem Himmel.
Israelische Politologen diskutieren die Gefahr einer iranischen Atombombe sehr differenziert. Da geht es um die Frage, ob die iranische Atomindustrie überhaupt zerstört werden kann und welche Folgen ein Militärschlag auf die arabische Welt oder auf die Hisbollah im Libanon hätte. Einen Schlag gegen Iran könnte Israel kaum im Alleingang bewerkstelligen. Zudem würde es seine Beziehungen mit den USA, Europa und Russland aufs Spiel setzen. Israel könnte auch gezwungen sein, mit der iranischen Bombe zu leben, dafür aber das schon bestehende Schutzschild mit Abwehrraketen auszubauen und zu verfeinern. Genau dies geschieht zur Zeit mithilfe der Vereinigten Staaten. Die USA wollen in der Negev-Wüste ein Radarsystem zur Frühwarnung vor Raketenangriffen stationieren. Es soll herannahende Raketen in einer Entfernung von 2.000 statt bisher 900 Kilometern erkennen und Anfang des nächsten Jahres einsatzbereit sein. Der Iran ist 1.500 Kilometer von Israel entfernt.

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