griechenland

Bund des Schweigens

Kaum ein Land in der EU ist derart religiös geprägt wie Griechenland. Das orthodoxe Christentum ist Staatsreligion. In Jahr- hunderten osmanischer Fremdherrschaft haben die Hellenen sich über ihren Glauben definiert. Noch heute profitiert die griechisch orthodoxe Kirche von ihrer damaligen Stellung als »Wahrer der Nation«.
Sowohl im Zuge der türkischen Staatgründung als auch Mitte des vergangenen Jahrhunderts mussten viele griechischstämmige Bewohner entweder zum Islam konvertieren oder die Türkei verlassen. Zahlreiche Griechen Kleinasiens fielen Pogromen zum Opfer. So eine Vergangenheit prägt. In weiten Teilen der griechischen Bevölkerung herrschen noch die überlieferten Ressentiments gegen Angehörige anderer Religionen vor. Tagesaktuell wird die religiöse Identitätsdebatte angeheizt durch die Tendenz der EU, religiöse Symbole aus öffentlichen Gebäuden zu verbannen.
Das wirft Fragen auf: Wie gestaltet sich das Leben für Bewohner anderer Konfessionen? Welche Situation ergibt sich für die jüdischen Bürger des Landes? »Seit der Antike werden griechische Städte von Bürgern jüdischen Glaubens bewohnt«, sagt der Präsident des Zentralrats der jüdischen Gemeinden Griechenlands, Moses C. Constantinis. »Im antiken Athen war das erste jüdische Viertel in der Nähe einer Brücke (griechisch Gefyra) bei der Agora. Deren Bewohner wurden ohne Bezug auf die Religion schlicht ›Gefyrotes‹ genannt.«
Die antiken Griechen verhielten sich fremden Religionen gegenüber tolerant und interessiert. Die stets an ihrem Weltbild zweifelnden Philosophen waren auf der Suche nach Wahrheit offen für Ideen aus anderen Kulturen. In einem solchen Klima etablierte sich das Christentum. Die Griechen waren historisch die ersten nichtjüdischen Jünger Jesu. Eine solche Konstellation ist einerseits ein fruchtbarer Boden für ein Miteinander von Religionen. Andererseits birgt die oft fanatische Christianisierung auch die Gefahr eines absolutistischen Heilsanspruchs.

ambivalenz Eine große Bevölkerungsgruppe begegnet den griechischen Juden mit Sympathie, während in anderen Teilen der Gesellschaft, in allen sozialen Schichten, der Antisemitismus zum Alltag zählt. Die Historikerin Rena Molcho, Professorin an der Athener Panteion-Universität, gehört zu den wenigen Wissenschaftlern im Land, die sich mit der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg befassen. Ende Oktober bemerkte sie in einem Interview mit der Zeitung Eleutherotypia, dass viele der Nachkommen damaliger Kollaborateure heute zur wirtschaftlichen Elite gehören. Sie seien an einer Aufklärung und einem Abbau von interreligiösen Schranken nicht interessiert.

ohne Medien Indes findet der interreligiöse Dialog auf vielerlei Weise statt. Auf akademischer Ebene führt ihn das Orthodoxe Patriarchat mit dem Jüdischen Weltkongress. Das bislang siebte Treffen fand Anfang November in Athen statt. Doch die griechischen Medien beachteten weder diese Begegnung noch die Empfänge am Rande bei Griechenlands Ministerpräsidenten Georgios Papandreou und dem Erzbischof von Athen, Hieronymos. Zu tief sitzt offenbar die Angst, zum Angriffsziel fanatischer Antisemiten zu werden.
Jüngst wurde Patriarch Bartholomäos, das Oberhaupt der Orthodoxie, vom griechisch-orthodoxen Metropoliten Ambrosios von Kalavryta scharf kritisiert. Der Kirchenführer hatte anlässlich eines USA-Besuchs am 28. Oktober, dem griechischen Nationalfeiertag, einen Gottesdienst in einer Synagoge in New York besucht. Ambrosios erfuhr davon und warf dem Patriarchen in einem offenen, diplomatisch formulierten, aber eindeutig antisemitischem Brief Verrat vor. Griechische Medien hatten den Synagogenbesuch zunächst verschwiegen.
Wundert es, dass unter solchen Umständen Begegnungen zwischen Juden und orthodoxen Christen oft in einem Klima der Verschwiegenheit stattfinden? Dies gilt für Treffen auf Funktionärsebene ebenso wie für private Freundschaften. Vereine wie der Freundschaftskreis »Hellas – Israel« arbeiten meist unter Ausschluss der größeren Öffentlichkeit, jedoch sind sie für Interessenten ebenso leicht zu erreichen wie die ört- lichen jüdischen Gemeinden. Im Zeitalter des Internets kann über die Webseite des Jüdischen Museums (www.jewishmuseum.gr) jede Gemeinde, Synagoge, Schule und auch jedes Altersheim gefunden werden.
Ein Tourist bemerkt antisemitische Tendenzen meist kaum. Es sei denn, er spricht Griechisch und betritt zufällig eine nationalistisch sortierte Buchhandlung oder einen größeren Zeitungskiosk. Dort werden Publikationen verkauft, deren Inhalt in Deutschland die Staatsanwaltschaft alarmieren würde. Neben den Protokollen der Weisen von Zion und Mein Kampf bieten zahlreiche neonazistische Autoren ihre Machwerke an, unter anderem Kostas Plevris.

zeus-kult Plevris, bekennender Antisemit, Rassist und Nazi, wurde im vergangenem Frühjahr in einem Berufungsprozess letztinstanzlich freigesprochen. Seine offen »zur rassistischen Gewalt aufrufende Hetzschrift sei durch das Recht der freien Meinungsäußerung, die als höheres Gut gelte, gedeckt«, entschied das Athener Staatsratsgericht allen nationalen und internationalen Protesten zum Trotz. Plevris mehr als 1.000 Seiten langes Pamphlet beinhaltet unter anderen die Aussage, dass »das Beste, was man einem Juden anbieten könne, ein Erschießungskommando« sei.
Zentralratspräsident Constantinis, der zu dem Berufungsprozess selbst als Zeuge geladen war, bemüht sich um ein weiteres Urteil. Zwar ist es juristisch nicht möglich, Plevris erneut zu verklagen oder den Verkauf seiner Schriften zu stoppen, aber Constantinis will unter allen Umständen verhindern, dass der strittige Gerichtsentscheid Symbolcharakter erhält. Das höchste Verfassungsgericht, der Areopag, wird darüber entscheiden, ob der Richterspruch des Staatsrats gesetzesähnlichen Charakter hat.
Viele der Plevris-Jünger betreiben in einem verblendeten nationalistischen Fanatismus den antiken olympischen Götterkult. Sie verteufeln auch das Christentum – weil es eine »jüdisch geprägte Religion« sei. Eine wachsende Minderheit in Griechenland frönt dem Zeus-Kult. Wahre Griechen, so das Credo, könnten nicht an den »einen Gott der Hebräer« glauben. Der Antisemitismus weicht in diesen Kreisen einem extremen Antimonotheismus. Der allerdings wird öffentlich und ohne publizistische Vorsichtsmaßnahmen praktiziert.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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