israelischer Film

Brennweiten

von Thekla Dannenberg

Jahrzehntelang schien Israels Filmlandschaft so karg wie die Negevwüste: Die erfolgreichsten Exporte waren Komödien von Ephraim Kishon oder B-Movies wie Eis am Stiel, auf jüdischen Festivals liefen Filme von Amos Gitai. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das israelische Kino in eine blühende Landschaft verwandelt, die auch international immer mehr an Beachtung gewinnt. Joseph Cedar erhielt bei der Berlinale 2007 für sein Libanonkriegsdrama Beaufort einen Silbernen Bären; Ari Folmans Waltz with Bashir verfehlte dieses Jahr nur knapp einen Oscar.
Doch der israelische Film ist weit mehr, wie Raphael Nadjari in seiner zweiteiligen Dokumentation Israels Kino erzählt zeigt, die kommende Woche auf Arte läuft. Dreieinhalb Stunden lang lässt er die Geschichte des israelischen Films Revue passieren, von seinen Anfängen in den 30er-Jahren bis heute. Ausschnitte aus mehr als achtzig Produktionen werden unterlegt mit und unterbrochen von Interviews, in denen Filmhistoriker, Kritiker, Regisseure und Schauspieler über das israelische Kino sprechen. Wie sie dabei die gesamte Kultur- und Kriegsgeschichte des Landes gleich mit erzählen, über künstlerisches Selbstverständnis und die Rolle in der Gesellschaft nachdenken, über Filmsprache und Kommerz, Zionismus und Individualismus, Besatzung und schwule Erotik, Einwanderung und Rassismus – das ergibt ein solch reichhaltiges Bild eines Landes und seines Kinos, dass man sich am Ende fragt, ob diese lange Dokumentation nicht doch etwas zu kurz ausgefallen ist.
Als erster israelischer Film gilt Chaim Halachmis Oded hanoded (Oded, der Wanderer) von 1933, der von dem Willen erzählt, das Schtetl hinter sich zu lassen und den »neuen Juden« zu formen, der sein Schicksal, den Pflug und, wenn es sein muss, das Gewehr selbst in die Hand nimmt. Kameramann Nathan Axelrod bewies mit suggestiv montierten Bildern seine Herkunft aus der sowjetischen Schule Eisensteins.
Nach der Staatsgründung bis Ende der 60er-Jahre wurde das israelische Kino dann dominiert von schwülstigen Melodramen oder Ephraim Kishons Komödien über tollpatschige orientalische Einwanderer wie Salah Shabati. Nach einem bei Sefarden beliebten Gebäck wurden diese Filme »Bourekas« genannt.
In den 70er-Jahren kam der Bruch. Die israelischen Filme wurden existenzieller, intimer, auch politischer. David Perlov und Yehuda Judd Ne’eman klagten in Diary oder Paratroopers Zynismus und Brutalität der Armee an, Daniel Wachsman zeigte in Transit, wie unwohl sich auch ein Jude in Israel fühlen kann, und Ram Levy sorgte 1978 mit seinem Drama Hirbeth Hizzath über die Vertreibung der Palästinenser 1948 für Aufruhr. Den Höhepunkt des politischen Kinos setzte 1992 Assi Dayan, Sohn des Nationalhelden Moshe Dayan, mit seinem Life According to Agfa: Soldaten der Zahal massakrieren die Gäste in einem Alternativ-Lokal, weil sie sich beleidigt fühlten. Dieses Land, so Dayans Botschaft, hat so viel Gewalt nach außen produziert, dass sie sich irgendwann auch nach innen richten muss. Es war die Hochzeit der Friedensbewegung. Uri Barbash erzählte in Beyond the Walls von der Freundschaft zwischen einem Israeli und einem palästinensischen Terroristen. Heute, sagt der Regisseur allerdings, würde er einen solchen Film nicht noch einmal drehen.
In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre wandte sich Israels Kino von der Politik wieder ab, wurde autobiografischer, persönlicher, individualistischer und widersprüchlicher. Der Regisseur Avi Mograbi bringt es so auf den Punkt: Es galt, nicht nur politisch engagiertes, sondern gutes Kino zu machen, gleich über welche Themen. Amos Gitai wagte sich in Kadosh an die Entzauberung der Religion, gleichzeitig versuchten ultraorthodoxe Filmemacher – auch die gibt es in Israel –, die »Realität von Gott« zu zeigen. Feministische Cineastinnen und palästinensische Regisseure drehten ihre Produktionen, Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion traten auf den (Kino-)Plan. Vielleicht hat der israelische Film mit dieser neuen Unübersichtlichkeit zu sich selbst gefunden. »Alles, was man sagt, ist wahr, aber auch sein Gegenteil«, heißt es in Gilberto Tofanos Film über den Sechstagekrieg Siege. Denn, so der Regisseur: Israel ist kein Land, sondern ein System von Widersprüchen.

»Israels Kino erzählt«. Teil 1 am Montag, 18. Mai um 23.55 Uhr, Teil 2 am Donnerstag, 21. Mai 2009 um 22 Uhr auf Arte

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