Kurt Neuwald

Auf immer Vorbild

Auf immer Vorbild

Erinnerungen zum
hundertsten Geburtstag von Kurt Neuwald

»Hitler soll nicht im nachhinein noch Recht bekommen, indem Deutschland ‚judenfrei‘ wird.« Dieser Satz ihres Vaters Kurt Neuwald habe ihr Leben geprägt, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Deswegen engagiere sie sich, wie auch ihre Schwester Margitta Neuwald-Golling, in jüdischen Organisationen. Dieses »Jetzt erst recht« hat Kurt Neuwald seinen beiden Töchtern mit auf den Lebensweg gegeben. Am 23. November wäre Kurt Neuwald 100 Jahre alt geworden.
Wie kaum ein anderer Gemeindefunktionär gab der hagere zierliche Mann aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegsgemeinde Gelsenkirchen und der jüdischen Nachkriegsgemeinschaft ein Gesicht. Er stand dieser Gemeinschaft lange zur Seite: 43 Jahre lang als Mitglied des Direktoriums im Zentralrat der Juden in Deutschland, den er 1946 mitgründete, 29 Jahre als Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe und bis 1989 als Leiter des Jüdischen Gemeindefonds Nordwestdeutschlands.
Kurt Neuwald wurde am 23. November 1906 in Gelsenkirchen geboren. Er besuchte die Oberrealschule und wurde Kaufmann wie sein Vater Leopold. Anfang der 30er Jahre war er bereits Mitinhaber des elterlichen Spezial-Bettengeschäftes. Ausgrenzung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten erlebte Kurt Neuwald schmerzhaft. Er wurde mit seiner ersten Frau und seinen Eltern deportiert. Nach der Befreiung durch amerikanische Truppen kehrte Neuwald in seine Geburtstadt zurück – als einziger seiner Familie.
Er gründete ein Hilfskomitee für die aus den Lagern Zurückgekehrten, aus dem die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen entstand. Und er gründete eine zweite Familie. Er organisierte Gottesdienste, suchte Lehrer für die Kinder, widmete sich der Instandsetzung der Friedhöfe und kümmerte sich um Kranke. Sein Wissen als Fi- nanzexperte war dabei genauso gefragt wie seine absolute Zuverlässigkeit und Akkuratesse, die sich fast schon in seiner Körperhaltung widerspiegelte. Aufrecht, hager im Gesicht mit einem freundlichen Lächeln nahm er zu seinem 90. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Gelsenkirchen entgegen.
Besonders stolz sei er auf seine Enkelin Helen gewesen, erzählt Margitta Neuwald-Golling über ihren Vater. »Es war sein Herzenswunsch, ihre Batmizwa noch zu erleben. Ein Jahr vor seinem Tod am 6. Februar 2001 hat er sie mit uns gefeiert.« Die Tochter erinnert sich insbesondere an die vielen Ehrungen, die ihr Vater erhielt, so die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt Gelsenkirchen. »Heute trägt der Platz vor meinem Elternhaus seinen Namen«, sagt Margitta Neuwald-Golling.
»Meine Eltern haben nie auf ‚gepackten Koffern‘ gesessen«, erinnert sich ihre Schwester, Judith Neuwald-Tasbach. »Das ist eine Verpflichtung für mich und ein Ansporn, an diesem Ziel weiterzuarbeiten. Deswegen engagiere ich mich in meiner Heimatgemeinde Gelsenkirchen, wo ich als Projektleiterin Synagogenneubau dazu beitragen kann«, sagt Judith Neuwald-Tasbach.
1994 schied Kurt Neuwald im Alter von 88 Jahren aus dem Direktorium des Zentralrats der Juden aus mit den Worten: »Ich trenne mich von der Möglichkeit, jüdisches Leben in Deutschland an entscheidender Stelle zu gestalten.« Ignatz Bubis sel. A. sagte damals, »wenn der Zentralrat eine Verdienstmedaille ‚pour le mérite‘ zu vergeben hätte, sie gebührte Kurt Neuwald«. Heide Sobotka

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