Dürrenmatt

Auch du, Friedrich?

Walser, Lenz und Hildebrandt in der NSDAP-Kartei? Geht es um die unbekannte Nazi-Vergangenheit von Kulturgrößen, kann die Schweiz für einmal mit Deutschland (fast) mithalten, auch wenn das Objekt der Enthüllungen seit Längerem tot ist. Vor kurzem schreckte das Schweizer Bundesarchiv die Öffentlichkeit mit neuen Funden über das Leben von Friedrich Dürrenmatt (1921-199). Der Autor von Welterfolgen wie Besuch der Alten Dame und Romulus der Große war in seiner Jugend aktives Mitglied der Schweizer Nazi-Bewegung »Eidgenössische Sammlung« (ES) gewesen.
Dass der junge Dürrenmatt, Jahrgang 1921, in seinen jungen Jahren unkritisch gen Norden auf das Dritte Reich blickte, hatte er zwar selbst in seiner Autobiografie Stoffe (1981/1990) preisgegeben. Über seine jetzt bekannt gewordene aktive Rolle bei der ES schwieg er aber. Wie ein Polizeibericht aus dem November 1941 festhält, hatte der Student Dürrenmatt bei einer konspirativen Versammlung von ES-Sympathisanten in einem Berner Lokal für die Aufnahme »extremer Nationalsozialisten« plädiert, auch und gerade, wenn die für den Anschluss der Schweiz ans Reich einträten.
Das war’s dann allerdings auch schon fast. Danach gibt es von Dürrenmatt, der schon im September 1941 nach nur viermonatiger Mitgliedschaft aus der ES ausgetreten war, keine nazifreundlichen Zitate mehr. Nach dem Fall von Stalingrad schrieb er zwar in einem Brief an seine Eltern, die Niederlage der Wehrmacht in Russland habe »wenigstens den Vorteil, dass die Deutschen sich während drei Tagen besinnen, dass sie die größten Musiker besitzen.« Diese Äußerung, eher zynisch als nazistisch, war freilich schon bekannt, der Brief liegt im Dürrenmatt-Nachlass des Schweizer Literaturarchivs.
Die Reaktionen auf diese Enthüllungen fielen denn auch schweizerisch-zurückhaltend aus. Mit dem »Fall Grass« ließe sich das Ganze nicht vergleichen, meinten übereinstimmend die Medien. Der Zürcher Kulturjournalist Peter Rüedi, der seit Jahren an einer Dürrenmattbiografie arbeitet, wies darauf hin, dass Dürrenmatts Nazi-Sympathien auch eine »Rebellion« gegen seinen konservativen Vater, einen protestantischen Pfarrer, gewesen seien. Den hätte der junge Friedrich, so Rüedi, nur dann noch mehr ärgern können, hätte er Sympathien für die Kommunisten gezeigt.
So wird sich das Schweizer Dürrenmatt-Bild durch die neuen Enthüllungen vermutlich kaum groß verändern. Umso mehr, als der spätere Freund und Bewunderer Israels, dessen Essay Zusammenhänge über den jüdischen Staat noch immer lesenswert ist, nicht die einzige Schweizer Kulturgröße mit braunen Flecken in der Vergangenheit war. Auch von der anderen Schweizer Literaturikone, Max Frisch, sind aus seiner Jugend antisemitische Bemerkungen überliefert. Peter Bollag

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026