Sarajevo

Armut, Frost und Wärme

von Canan Topcu

Es ist kalt in Sarajevo. In der vergangenen Woche bestimmte vor allem der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine die Gespräche auf den Straßen der bosnischen Hauptstadt. Denn die Bewohner waren unmittelbar davon betroffen. In mehr als 75.000 Haushalten sollen Heizung und Warmwasserversorgung ausgefallen sein. Wer nicht über alternative Heizmöglichkeiten wie Kohle- oder Holzofen verfügt, versuchte sich mit elektrischen Geräten zu helfen. Auf den eisbedeckten Straßen der In- nenstadt sind immer wieder Menschen zu sehen, die Heizstrahler oder Elektroöfen tragen.
Kurz nach zwölf Uhr tritt Davor Druker mit zwei eingepackten Essensportionen aus dem jüdischen Gemeindehaus. Eine Portion ist für ihn selbst, die andere für seine Frau, die es wegen ihrer Krankheit nicht geschafft hat mitzukommen. Zwischen 40 bis 45 warme Mahlzeiten gibt die jüdische Gemeinde täglich aus – nicht nur an Juden. »Wer zu uns kommt, kriegt eine Mahlzeit, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit«, heißt es in der Gemeinde.
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 14.000 Juden in Sarajevo, nach Angaben von Boris Kozimjakin, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinschaft Bosnien-Herzegowina machten sie etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus. Heute fühlen sich gerade mal 700 der rund 300.000 Einwohner der jüdischen Gemeinde zugehörig.
Viele Juden verließen während des Bosnienkriegs ihre Heimat in Richtung Israel oder USA. Nach dem Friedensabkommen von Dayton kehrten nur wenige zurück. Das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder liegt heute bei 60 Jahren. »Wir kämpfen ums Überleben«, sagt Eli Tauber. Der 58-Jährige ist Kulturbeauftragter der jüdischen Gemeinde und einer von denen, die zurückgekehrt sind.
Ein paar hundert Meter vom jüdischen Gemeindehaus entfernt stehen bei eisiger Kälte zwei junge Männer am Ausgang der Gazi-Husrev-Beg-Moschee. Sie verteilen Flugblätter an Besucher des Freitaggebets. Der stille Protest richtet sich gegen die Angriffe der israelischen Armee im Gasastreifen und wird begleitet von einem Spendenaufruf für die palästinensischen Opfer. Es ist nicht viel Geld, was an diesem Januartag zusammengekommen ist: Gerade mal eine Handvoll Münzen und nicht mehr als ein Dutzend Scheine befinden sich in der kleinen Kiste aus Karton.
Demonstrationen gegen Israel – wie dieser Tage in vielen europäischen Städten – hat es in Sarajevo, bis auf eine kleine am Samstag, nicht gegeben. Dafür gab es in der bosnischen Hauptstadt eine Aktion ganz anderer Art: Als Reaktion auf den Krieg in Gasa unterschrieben Semiha Borovac, muslimische Oberbürgermeisterin von Sarajevo, und Jakob Finci, ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Bos- nien-Herzegowina und seit kurzem Botschafter seines Landes in der Schweiz, einen Appell. Die beiden Bosnier riefen gemeinsam Israelis und Palästinenser dazu auf, die Angriffe zu beenden. Und der Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Ceric, sprach sich in einer Freitagspredigt für die Anerkennung Israels aus.
Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde fühlen sich auch in diesen Tagen in Sarajevo sicher. Die Synagoge wird nicht bewacht, kein Wachmann steht vor dem gelben Gebäude im maurischen Stil, keine Kontrollen am Eingang. Das jüdische Zentrum am Südufer der Stadt kann jeder betreten, ohne dass nach einem Ausweis gefragt oder die Tasche durchleuchtet wird.
Die Freundschaft zwischen Juden und Muslimen in Bosnien sei historisch gewachsen, sagt Kozimjakin. Es habe immer gute Beziehungen gegeben. So versteckten Muslime während des Zweiten Weltkriegs jüdische Nachbarn und retteten sie vor der Deportation. Im Bosnienkrieg wiederum war es die jüdische Gemeinschaft und ihre Wohlfahrtseinrichtung »La Benevolencija«, die allen ethnischen Konfliktgruppen humanitäre Hilfe leistete. Die Gemeinde betrieb zudem eine Suppenküche und medizinische Dienste, organisierte Konvois für Flüchtlinge aus dem belagerten Sarajevo. Nicht zuletzt war es dieser Einsatz, der das hohe Ansehen der jüdischen Gemeinde in Sarajevo gefestigt hat.
Probleme mit Antisemitismus kennt man in Bosnien nicht. Das versichert Kozimjakin, und das bestätigen Gemeindemitglieder wie Davor Druker. Ob er als Jude Anfeindungen ausgesetzt ist, die Atmosphäre in Sarajevo durch den Krieg in Gasa beeinträchtigt wird? Diese Fragen irritieren den Mann, dessen Vorfahren aus Böhmen kamen und sich im 19. Jahrhundert in Sarajevo ansiedelten. »Wir haben hier ganz andere Sorgen, als uns mit dem Konflikt in Gasa zu beschäftigen«, erklärt er.
Wenn der 55-Jährige »wir« sagt, meint er nicht nur die jüdischen, sondern auch die muslimischen und christlichen Bewohner der Stadt. Die Sorgen der Bosnier – unabhängig von ihrer Ethnie und Religion – hängen an diesen kalten Januartagen mit der mangelnden Gasversorgung zusammen. Vor allem aber mit der wirtschaftlichen Situation des Landes und der damit einhergehenden hohen Arbeitslosigkeit. Sie liegt derzeit bei 48 Prozent.
Davor Druker ist einer der Menschen ohne Arbeit. Und das seit elf Jahren, seit seiner Rückkehr aus Deutschland, wo er während des Bosnienkriegs Zuflucht fand. Vor dem Krieg hatte er eine Anstellung als Techniker, danach gab es für ihn keine Verwendung mehr. Inzwischen ist er zu alt. »Selbst für junge Menschen ist es hier schwer, eine Arbeit zu finden«, sagt er so, als müsse er sich für seine Arbeitslosigkeit entschuldigen. Davor Druker lebt mit seiner serbischen Frau von Sozialhilfe. Doch die staatliche Unterstützung reicht kaum aus, und so ist er froh über die kostenlose Essensausgabe im Restaurant der jüdischen Gemeinde. Dort hat er wie etliche andere zumeist ältere Frauen und Männer in der vergangenen Woche die Vormittage verbracht. Denn dort war es warm.

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