Mohammed-Karikaturen

Angst im Staate Dänemark

von Baruch Rabinowitz

Er ist Jude. Und er ist Däne. Seit 20 Jahren lebt Max Meier in Kopenhagen. Hier fühlte er sich wohl. Bis vor einigen Tagen. »Es ist unglaublich, daß ich hier nicht mehr si-
cher sein kann«, sagt der 42jährige Gastwirt besorgt.
Dänemark – ruhig, liberal und weltoffen – gehörte wohl schon immer zu den wenigen Ländern, die von politischen Turbulenzen und größeren Naturkatastrophen verschont geblieben waren. Auch für die Juden war Dänemark seit langem ein ökonomisches Paradies und sicheres Zuhause. Bis ein paar Karikaturen die muslimische Welt in Aufruhr versetzten.
Die Zeitungsveröffentlichungen habe ihre religiösen Gefühle tief verletzt, sagen die Muslime. In Dänemark bekennen sich rund 200.000 Menschen zum Islam. Keine kleine Zahl in einem Land mit nur 5,3 Millionen Einwohnern. »Auf Hebräisch nennt man Dänemark ‚Dania‘«, erklärt Max Meier. »Wir können dieses Land bald in ‚Jor-Dania‘ umbenennen. Überall wird jetzt darüber gesprochen, welche Folgen diese übermäßig hohe Zunahme des moslemischen Bevölkerungsanteils in Dänemark haben kann.«
Besorgt sind auch andere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft Dänemarks, die heute wieder 7.000 Mitglieder zählt. Yigal Romm, Chefredakteur der dänisch-jüdischen Zeitschrift »Jødisk Orientering«, sagte der Jüdischen Allgemeinen, daß viel über den Karikaturen-Streit und die Konsequenzen dieser außer Kontrolle geratenen Situation haben kann. »Wir müssen erkennen, daß Demokratie und Religion nicht immer vereinbar sind.« Viele Juden führen den Konflikt auf einen Mangel an Sensibilität, Respekt und Bereitschaft zum Dialog zurück. »Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, in der Pressefreiheit als eine der größten Werte gilt«, sagt der Chefredakteur. Deswegen hält er auch die Forderung nach Entschuldigungen der Regierung und dem Ruf nach Zensur für unsinnig. »Wir haben uns in Dänemark für Demokratie entschieden, ohne wenn und aber. Und das muß auch für die im Lande lebende Muslime Gültigkeit haben.«
In Dänemark geht mittlerweile die Angst vor Übergriffen um. Dennoch fühle sich die jüdische Gemeinde nicht mehr als sonst gefährdet. »Wir gehören alle zur dänischen Gesellschaft, und deswegen sind wir genauso betroffen wie andere Staatsbürger«, betont Romm. Die jüdische Gemeinde brauche zur Zeit keine außerordentlichen Sicherheitsmaßnahmen.
Dennoch sind dänischen Juden schon immer vorsichtig gewesen. »Es ist nicht empfehlenswert, mit Kippa oder anderen jüdischen Symbolen auf die Straße zu gehen«, sagt Romm. Diese Regel hätten die meisten Juden aber auch schon vorher beachtet. Die relativ niedrige Zahl antisemitischer Vorfälle sei in den vergangenen Wochen auch nicht gestiegen.
Die jüdische und die muslimische Minderheit in Dänemark habe, genauso wie in Deutschland, wenig Berührungspunkte. Einen Dialog beider Seiten hat es offiziell nie gegeben. Zwar haben sich prominente Vertreter der Religionen mehrmals miteinander getroffen, jedoch führten die Begegnungen zu keinem größeren gegenseitigen In-
teresse. »Die jüdische Gemeinde vertritt keinen politischen Standpunkt. Sie hat auch keine politischen Ambitionen. Wir wollen aber natürlich, daß Dänemark demokratisch bleibt und die demokratischen Werte verteidigt«, sagt Yigal Romm.
Max Meier bezweifelt, daß die meisten Muslime in Dänemark die demokratischen Prinzipien unterstützen. »Auch wenn es nachvollziehbar ist, daß Karikaturen über ihren Propheten Mohammed religiöse Gefühle verletzen können, halten die dänischen Juden, wie andere Dänen auch, die Reaktion der muslimischen Welt für weit übertrieben«, sagt er. »Wir sind enttäuscht und tief besorgt. Dänemark hat noch nie so eine gewalttätige Situation erlebt.«
Es gab schon mehrmals Vorfälle in Dänemark, bei denen Persönlichkeiten anderer Religionen in Medien verspottet oder für den Kommerz mißbraucht wurden. Wie zum Beispiel vergangenen Sommer, als eine dänische Schuhfirma Jesus-Bilder auf ihre Sandalen druckte. Dies stieß in christlichen Kreisen auf Kritik. Der Konflikt konnte aber auf friedliche Weise gelöst werden. »Und würde die Presse Karikaturen über Juden veröffentlichen, würde es sicherlich auch zu Empörung in jüdischen Kreisen führen. Ich bin aber davon überzeugt, daß das dann auf rationale Weise geklärt werden könnte«, sagt Romm.
Religiöse Gefühle müssen respektiert werden, meint der Chef von »Jødisk Orientering«. Die Demokratie verlange gegenseitige Toleranz und Suche nach einem friedlichen Nebeneinander. Die Frage sei nur, ob man den Konflikt lösen möchte oder ihn zum Anlaß und zur Rechtfertigung für radikale Ausschreitungen nimmt, so Romm.
»Wir respektieren die religiösen Gefühle der Muslime und sind auch über die Veröffentlichung der Jyllands Posten verwundert«, sagt auch Morten Randrup, Mitglied des Zentrums für christlich-islamischen Dialog und Leiter des interkul-
turellen Zentrums »Bethesda« in Kopenhagen. »Andererseits sind wir von der Reaktion der Muslime tief enttäuscht. Wir hoffen, daß die dänischen Muslime sich von radikalen Gruppierungen deutlich abgrenzen«, sagt Randrup.
Viele Dänen sind seit Beginn der islamischen Proteste beunruhigt. Max Meier kann kaum glauben, daß er jetzt als Däne im Ausland zu einer gefährdeten Personengruppe zählt. »Anders als mit meinem israelischen Paß bin ich mit dem dänischen Paß überall in der Welt willkommen gewesen«, erinnert er sich. Die brennenden Fahnen, ihre Dannebrogs, verletzen die dänischen Juden genauso wie alle anderen Dänen. Für sie ist Dänemark ihr Vaterland. Daher nennen sie sich auch nicht »Juden in Dänemark«, sondern »danskere i mosaisk trossamfund«, auf deutsch »Dänen mosaischen Glaubens«.

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