Indien

Altersschwach

von Bernd Kubisch

Es kommen fast nur noch Touristen. Rund 1.500 Menschen besuchen die Paradesi-Synagoge im indischen Kochi jeden Tag . Doch die jüdische Gemeinde der Stadt zählt nur noch ein Dutzend Mitglieder, und fast alle sind älter als 75 Jahre.
Die gesamte Altstadt von Kochi ist Touristenmagnet, vor allem für Besucher aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Israel. Ausflugsunternehmen, Taxi- und Rikschafahrer sowie Souvenir- und Antiquitätenhändler machen gute Geschäfte. Der kleine Bundesstaat Kerala, in dem Lebensstandard und Bildung deutlich über dem indischen Durchschnitt liegen, lockt wegen seiner Strände, Naturparks, historischen Tempel und Kirchen. Hauptattraktionen in Kochi, wo mehr als 600.000 Menschen wohnen, sind das Fort, der Hafen mit seinen chinesischen Hebenetzen und die Synagoge im kleinen Stadtviertel Mattancherry.
»Synagogue Lane« und »Jew Town« prangen als Adressenhinweise und Werbung an vielen Ladenschildern in der Gasse, die zur Synagoge führt. Ein Schild weist die Richtung zum nahen jüdischen Friedhof, ein anderes warnt vor »Agenten«, die Touristen mit angeblichen Billigpreisen in bestimmte Geschäfte locken wollen.
Richtung Synagoge wird die kleine Straße enger. Der weiße Uhrenturm des jüdischen Gotteshauses bildet das Ende der Sackgasse und ist von weitem sichtbar. An einem Schild auf weißer Wand unweit der Eingangstür zur Synagoge steht: »World Monuments Fund (WMF), Jewish Heritage Program«. Es wird erklärt, dass dieses Programm jüdisches Erbe mit kultureller und künstlerischer Bedeutung bewahrt und unterstützt. Weiter heißt es in Englisch: »Die Paradesi-Synagoge wurde 1568 von spanischen, niederländischen und anderen europäischen Juden gebaut. Der Uhrenturm wurde 1760 hinzugefügt.« »Paradesi« heißt in einigen indischen Sprachen »Ausländer«.
Das weiße Bethaus ist Historikern zufolge die älteste erhaltene Synagoge auf dem indischen Subkontinent und im gesamten Commonwealth der ehemals britischen Kolonien. Als sich im 14. und 15. Jahrhundert jüdische Familien aus Europa im indischen Süden und in Kochi ansiedelten, lebten die Malabari-Juden schon viele Jahrhunderte in der Region. Wie Chronisten berichten, waren sie sehr erfolgreich im Gewürzhandel. Fotografieren ist in der Synagoge nur mit vorher beantragter Sondergenehmigung erlaubt. »Tut mir leid, sie müssen ihre Kamera abgeben«, sagt der Mann an der Kasse. Umgerechnet weniger als 5 Euro kostet der Eintritt. Das Innere des Gotteshauses ist mit chinesischen Fußbodenkacheln geschmückt. Die Kacheln aus dem 18. Jahrhundert sind handbemalt, die Bänke aus Holz und Korbgeflecht. Verwaltet wird die Synagoge von einem Katholiken.
Heute sei es recht ruhig, sagt der Mann am Eingang. In der touristischen Hauptsaison, im Dezember, kämen pro Tag bis zu 1.500 Besucher. »Juden und Christen haben hier ein gutes Verhältnis. Ich mag die Juden, die sind hilfsbereit und freundlich, leider gibt es nur noch wenige im Viertel.« Die 1,1 Milliarden Einwohner Indiens sind ein Vielvölkergemisch. Antisemitismus gibt es so gut wie nicht. Schon früher war das so. Dies bestätigen auch Juden in Kochi und Mumbay.
»Inzwischen sind fast alle Juden nach Israel ausgewandert. Wir werden hier in Kochi wohl bald aussterben«, sagt Hallegua, ein alter Mann, der zur Gemeinde gehört. Er schaut auf ein paar lachende junge Touristen mit langen Haaren und hat schon bald genug vom lebhaften Straßenleben. Langsam geht er zurück in sein Haus, von der Synagoge sind es nur fünf Minuten zu Fuß. Ins Bethaus geht der alte Herr so oft wie möglich, »so lange es meine Gesundheit zulässt«.
Wenige Häuser weiter lebt Herr Salem, dem man seine 80 Jahre nicht ansieht. »Ich war Jude, früher«, erzählt er. Mehr sagt er dazu nicht. Dann fügt er hinzu: »1948 begann die Auswanderung nach Israel. Bis dahin lebten 2.000 oder 3.000 Juden hier in der Region um Kochi. Wir hatten sieben Synagogen.« Dann grüßt der 80-Jährige eine weißhaarige alte Frau, die aus dem Haus tritt. An den Besucher gewandt, sagt Salem: »Frau Cohen trauert. Ihr Bruder starb vor kurzem. Die Familie ist sehr angesehen.«
Szenenwechsel. Gut 1.400 Kilometer nördlich von Kochi liegt Mumbay. In der Zehnmillionenmetropole, die früher Bombay hieß, gibt es ein halbes Dutzend Synagogen. Das wissen jedoch außer den Juden in der Stadt nur Historiker, ein paar versierte Taxifahrer und die Leute aus der Nachbarschaft.
In der Nähe einer großen Moschee liegt im dritten Stock eines Wohnhauses die Etz-Chaim-Synagoge. Die helle Fassade des Gebäudes sieht gepflegt aus, es ist schmucker als die meisten anderen der Umgebung. »Gehen Sie einfach rein und die Treppe hoch, klopfen Sie. Die Bewohner freuen sich über Besuch«, sagt Lavina D’Costa, eine Nachbarin. Sie stammt aus dem früher portugiesischen Goa und ist katholisch. Dann verabschiedet sie sich mit »Schalom«. Im Haus mit der Synagoge im zweiten Stock leben jüdische, moslemische, christliche und hinduistische Familien. Das Wort »Schalom« geht allen leicht über die Lippen. Es ist ein Gruß der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts.
Lavina hatte recht. Aaron Daniel, der 77-jährige Synagogenverwalter, und Michael Joseph (56) freuen sich über den Besuch. Joseph wohnt im ersten Stock des Hauses. »Ich bin hier aufgewachsen«, sagt er, »mein Vater war früher der Schamasch, der Synagogendiener.« Vier jüdische Familien leben in dem Haus. Die Gemeinde hat rund 150 Mitglieder. Daniel schätzt, »dass noch etwa 4.000 Juden in Bombay leben, in ganz Indien vielleicht 7.000 oder 8.000«. Voller Stolz zeigt der 77-Jährige die Gebetshalle. Tora, Gewänder, historische Schriften – alles pflegt er. Blitzsauber ist es in dem Raum. Leuchter glitzern in Silber und Gold.
Eine Stunde später hält der Taxifahrer vor der Kneset-Eliyahu-Synagoge, einem wuchtiges Gebäude in himmelblauer Farbe. Hier ist es lebhaft. Autos hupen, Menschen mit Aktentaschen, Körben und großen Tüten laufen die schmale Straße entlang. Es ist 17.30 Uhr, Rushhour in Mumbay. Der Taxifahrer denkt an die Atmosphäre in der Etz-Chaim-Synagoge. »Wenn es doch überall auf der Welt so harmonisch zwischen den Religionen wäre wie in dort. Wir hätten das Paradies auf Erden.«

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