Schoa-Opfer

Als die Welt schwieg

von Miryam Gümbel

»Der zeitliche Abstand zu den Verbrechen der Nationalsozialisten wird größer. Aber in die Herzen jener, die in Dachau oder in anderen Lagern leiden mussten, haben sich Trauer, Schmerz und Wut auf ewig eingebrannt. Wer hier erleben musste, wie Menschen ihr menschliches Anlitz verloren, den werden die Schrecken der Vergangenheit nie wieder loslassen.«
Mit diesen Worten rief Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch bei der Gedenkstunde im früheren Konzentrationslager Dachau die Leiden der in den Lagern gequälten Schoa-Opfer ins Bewusstsein. Der Befreiung sei für die Überlebenden, so Charlotte Knobloch weiter, nicht das Ende gewesen: »Sie mussten lernen, mit der Last ihrer Erfahrung weiterzuleben. Sich nicht abzuwenden von der Menschheit, die hier in Dachau gezeigt hat, wozu sie fähig ist, im Namen eines Befehls – einer Ideologie des Hasses. Und sich trotz allem der Zukunft zuzuwenden.«
Einige der Überlebenden dieses und anderer Lager waren auch in diesem Jahr nach Dachau gekommen. Gleichwohl zeigte sich der Generationswechsel deutlich. Anstelle der Zeitzeugenberichte früherer Jahre trugen diesmal Jugendliche kurz gefasste Lebensläufe von durch das Naziregime Ermordeten. Nachdem sie die Texte vorgelesen hatten, entzündeten die vier Madrichim aus Augsburg, Hof und Würzburg Kerzen zum Gedenken an die Toten. Die beiden Redner der Gedenkstunde verbanden das Erinnern mit dem Blick nach vorne. Rufe nach einem Schlussstrich unter die Jahre der Schoa seien, so Charlotte Knobloch, nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden. Sie bedeuteten auch »einen Angriff auf das demokratische Fundament dieses Landes, das 60 Jahre alt wird«. In diesem Geburtstagsjahr der Bundesrepublik müsse unmissverständlich deutlich gemacht werden, worauf das demokratische Selbstverständnis dieses Landes gründe: auf dem Gedanken, nie wieder jene Verbrechen zuzulassen, die in Dachau ihren Anfang nahmen. Und sie fuhr fort: »Das Grundgesetz, das heuer groß gefeiert wird, ist nichts anderes als die gesetzliche Verankerung einer Geisteshaltung, die aus der Erfahrung von Hass und Gewalt geboren wurde. Es ist die Wort gewordene Lektion, die Deutschland aus der Geschichte gelernt hat.«
Die Geschichte der Bundesrepublik sei unverbrüchlich verknüpft mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Dass eine Normalität im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung auch noch lange nicht gegeben ist, unterstrich der Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Josef Schuster. Er erinnerte an die Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche, von der heute niemand mehr spreche. Er fragte, ob es normal sei, »dass Juden in Deutschland ihren Gebeten in der Synagoge nur dann ruhig nachgehen können, wenn vor der Türe Polizeischutz steht?« Oder gar, »dass es im demokratischen Deutschland des Jahres 2009 unmöglich ist, eine rechtsextreme Partei, welche unseren demokratischen Überzeugungen widerspricht zu verbieten beziehungsweise diese Schlange an der Brust unserer Demokratie noch gestillt wird, indem man sie finanziert?«
Schuster erinnerte auch an das Attentat auf den Passauer Polzeipräsidenten Alois Mannichl. Er beklagte, das Neonazis bei ihren Märschen sogar am Mahnmal der Opfer des Nationalsozialismus vorbeiziehen könnten. Das sei eines demokratischen Deutschlands unwürdig. Schuster verwies ebenfalls darauf, dass sich der Antiisraelismus auch intellektueller Bevölkerungskreise sich immer mehr zu Antisemitismus entwickle. Der Vorsitzende des Landesverbandes zitierte den Philosophen Edmund Burke, der bereits im 18. Jahrhundert sagte: »Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.« Und er erinnerte an die Formulierung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesels über die Schoa: Un di Welt hot geschwign. »Worthülsen und Absichtserklärungen«, so Schuster, »helfen jetzt nicht mehr. Hier auf diesem mit so viel Blut getränkten Boden rufe ich die Verantwortlichen Bayerns und der Bundesrepublik auf, mit vereinter Anstrengung auf die Gefahr für unser Land und unsere Bürger aufmerksam zu machen.«
Ähnlich lautete auch die Mahnung von Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch: »Christlicher Antijudaismus, islamistischer Fundamentalismus, brauner Rechtsextremismus sind hartnäckige Widersacher der Idee der Freiheit, die hier in Dachau am 29. April 1945 schlussendlich siegte. Lassen Sie uns dafür Sorge tragen, dass der Gedanke der Freiheit weiterhin hochgehalten wird. Lassen Sie uns der Vergangenheit erinnern, in der Hoffnung, eine Gesellschaft ohne Hass und Ausgrenzung zu bewahren. Lassen uns daran denken, dass Dachau, dieser Ort des Grauens, eine Verpflichtung darstellt.«
Nach dem El Mole Rachamim, vorgetragen von Rabbiner Shlomo Appel aus Straubing, legten Vertreter des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern in der Gedenkstätte einen Kranz nieder. Viele der Teilnehmer nahmen dann an dem Marsch vom ehemaligen Krematorium zur Internationalen Gedenkstätte teil.

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