Integrationsprojekte

Aller Antrag ist schwer

von Katrin Richter und
Heide Sobotka

Die Zeit drängt. Nur noch bis zum 31. Januar können jüdische Gemeinden und Landesverbände beim Zentralrat der Juden in Deutschland Anträge auf finanzielle Unterstützung für Integrationsprojekte stellen. Bis zu 13.000 Euro vergibt der Zentralrat für richtungsweisende Ideen, die der Wissensvermittlung von Leben, Religion und Kultur des Judentums in Hinblick auf die Integration von Zuwanderern dienen.
Doch viele Gemeinden haben jetzt schon frustriert den Rechenschieber beiseite gelegt. Ihnen ist das Verfahren zu kompliziert und aufwendig. Dabei wurde mit der Förderung des Zentralrats schon viel angeschoben, was heute im jüdischen Kulturprogramm Furore macht. Sei es die Ausstellung von Zuwandererporträts, die jetzt mit ihrem dritten Teil bei der Jugend angelangt ist. Oder sei es das Figurentheater aus Oldenburg, das inzwischen auf Tournee geht.
Sicherlich, es ist ein langer Weg bis zur Reifeprüfung solcher Projekte. Alle haben sie mal klein angefangen. Ihre Grundidee war und ist immer, russischsprachige Gemeindemitglieder in die jüdische Gemeinde und in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Allem voran steht dabei die Sprachförderung. Was liegt da näher, als Gemeindemitglieder zusammenzurufen, sie ein Stück aus ihrem Alltag schreiben und auf Deutsch vortragen zu lassen.
Diese Idee hatte auch Tatjana Malafy. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rottweil stellte einen entsprechenden Antrag auf Unterstützung eines Theaterprojekts. Doch damit allein ist es nicht getan. Fördermittel zu beantragen bedeutet auch, dass sie anschließend verwaltungstechnisch korrekt abgerechnet werden müssen, und damit sah sich Malafy zeitweise etwas überfordert. Da half ihr auch das Seminar »Abrechnung von Projektmitteln« des Zentralrats nicht weiter. »Ich habe einfach nicht die Zeit und das Personal, mich mit der komplizierten Abrechnung zu befassen.«
Akteure und Ideen gibt es genug. Doch an den fehlenden Koordinatoren scheitern viele Langzeitprojekte. Daher winken viele Gemeinden ab, wenn sie nach ihrem Projektantrag beim Zentralrat gefragt werden. »Wer soll das denn alles machen«, fragen sie zurück. Der bürokratische Aufwand ist hoch. Ausführlich müssen Idee, Zielgruppe und zu erwartender Erfolg begründet werden. Akribisch sind Kosten, Ausgaben und Einnahmen gegeneinander aufzulisten. Können Sponsoren gewonnen werden, wurden Drittmittel aus Stadt, Land oder gar EU beantragt? Aus dem Soll und Haben ergibt sich der Betrag, den die Gemeinden beim Zentralrat als finanzielle Unterstützung für ihr Vorhaben beantragen können.
Doch groß ist die Enttäuschung, wenn es dann nicht klappt. Keine Unterstützung erfährt beispielsweise die Gemeinde Potsdam. Ihr stellvertretender Vorsitzender Mikhail Tkach möchte eine Gemeindezeitung selbst drucken und benötigt dafür einige Zuschüsse. Eine solche Finanzierung sieht der Zentralrat jedoch nicht vor. Schließlich muss auch er sich an die Richtlinien halten und kann Gelder nur projektbezogen weitergeben. Sachmittel und Personalkosten sind dabei in der Regel ausgeschlossen.
Vor allem die mittelgroßen Gemeinden haben Schwierigkeiten, geförderte Projekte in Hinblick auf den Verwaltungsaufwand umzusetzen. Ihnen fehlt meistens das Personal, das sich von A bis Z um die Durchführung kümmern kann. Gemeinden mit 750 bis 1.5000 Mitgliedern sind einerseits zu groß, als dass sich jedes Mitglied aufgefordert fühlt, mit anzupacken. Aber andererseits zu klein, um sich den Herausforderungen, die ein solcher Antrag mit sich bringt, stellen zu können. »Ich müsste Kultur-, Finanz- und Verwaltungsdezernentin in einem sein, wenn ich das alleine stemmen sollte«, sagt Esther Haß, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel.
Im Verbund ist es einfacher, sagt auch der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Aachen, Wilfried Johnen und nennt als gelungenes Beispiel die Jüdischen Kulturwochen im Rheinland. »Hierfür gab es eine Projektmanagerin, die alles zentral organisierte.« Sie engagierte die Künstler und buchte in den Gemeinden ihre Auftritte. Kulturwochen sind zwar etwas anderes als Integrationsprojekte, denn ihr Anliegen ist, eher nach außen zu wirken als nach innen, doch verwaltungstechnisch lassen sich beide vergleichen. Auch hier müssen Gelder beantragt und abgerechnet werden.
Warum also nicht aus diesen Erfahrungen lernen, hat sich Sara-Ruth Schumann in Oldenburg gefragt. Nachdem die Gemeinde mit großen Schwierigkeiten zweimal selbst Projektgelder beantragt hat, lässt sie ihr neues Projekt in diesem Jahr über den Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen laufen. Bei ihm gehen derzeit Projektvorschläge der jüdischen Gemeinden ein, die er aufbereitet und seinerseits als Antragsteller an den Zentralrat weiterleitet.
Für viele Gemeinden könnte ein solcher Weg Lösung ihres Problems sein. Zwar bietet die zwölfköpfige Integrationskommission an, zusammen mit den Gemeinden Anträge zu erarbeiten und auszufüllen. Manchmal ist es auch einfacher, als man denkt. »Einige Fragen lassen sich durchaus im Telefongespräch oder per E-Mail klären«, sagt der Vorsitzende der Kommission, Meinhard Tenné. »Bei schwierigeren Fällen kommen wir aber auch selbst vorbei und helfen.«
Hilfe zur Selbsthilfe, die Judith Neuwald-Tasbach gerne annehmen möchte. Sie ist erst seit einem dreiviertel Jahr Gemeindevorsitzende in Gelsenkirchen und hat von der Mittelförderung durch den Zentralrat noch nichts gewusst. Sie will sich schleunigst über die Möglichkeiten für ihre Gemeinde erkundigen. Ihr bleiben noch drei Wochen.

www.zentralratdjuden.de/de/topic/337.html

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026