Prophetenabschnitt

Hannas Gebet

Was wir vom Feiertagstext über das Leben und das Gespräch mit Gott lernen können

08.09.2010 – von Gabriel H. CohnGabriel H. Cohn


Es ist äußerst aufschlussreich, der Frage nachzugehen, warum bestimmte Prophetenabschnitte (Haftarot) zur Lesung an den Hohen Feiertagen gewählt wurden. Warum wird die Geschichte von der Geburt Samuels und den Gebeten seiner Mutter Hanna am ersten Tag von Rosch Haschana gelesen? Es scheint, als wolle dieses Prophetenkapitel uns deutlich machen, welches die Kennzeichen wahren Betens sind und wie wichtig es ist, von Hanna zu lernen, die Routine des Lebens zu durchbrechen und neue Wege des Daseins zu suchen. Hanna ist kinderlos. Nach vielen Jahren der Ehe nimmt Elkana, ihr Mann, eine zweite Frau, Penina, ins Haus, um so für die Fortsetzung der Familie zu sorgen. Jedes Jahr empfindet Hanna ihre Vereinsamung stärker. Trotz der Liebe ihres Mannes scheint ihr das Leben sinnlos. Dies auch, weil die kinderreiche Penina auf sie herabsieht. Aber was ist zu machen? Hannas Kinderlosigkeit wird als von Gott gegeben hingenommen: »Denn der Ewige hat ihren Schoß verschlossen« (1,5-6).

Verhalten Hanna ist nicht bereit, sich mit ihrem Geschick abzufinden. Sie will um eine Änderung kämpfen. Und sie betritt das Heiligtum, um zu beten. Der Talmud betont, dass Hanna ihre Seelenpein und Frustration im Gebet mit Gott ausgedrückt hat.
Die biblisch-jüdische Tradition erwartet von betenden Menschen ein aufrichtiges Verhalten Gott gegenüber. Verwirrende Gefühle gilt es nicht zu unterdrücken, sondern im Gespräch mit Gott klar zu überdenken. Dabei heißt es natürlich, die nötige Bescheidenheit zu bewahren. Dreimal nennt sich Hanna eine »Magd«: Sie macht deutlich, wie unbedeutend sie in der Gegenwart von Gottes Allmacht ist. Hanna ist auch die Erste, welche Gott den »Gott der Heerscharen« nennt, also einen Ausdruck benutzt, der mehr als jeder andere die Größe Gottes bezeichnet.

Es ist bezeichnend für Hannas Gebet, dass sie trotz ihres bescheidenen »Selbst«-Bewusstseins in Gottes Präsenz ihr Anliegen in klaren, überzeugenden Worten schildern und für ihr Leben eine grundlegende Änderung fordern kann. Trotz ihrer »Schwäche« im Vergleich mit Gott sind ihre Worte prägnant und ausdrucksvoll. Auch Abraham sprach, als er um die Rettung Sodoms betete, klare Worte, und er klagte Gott sogar an: »Sollte der Richter aller Erde nicht Recht üben?« (1. Buch Moses 18,25) – und all dies, obwohl er sich seiner Ohnmächtigkeit voll bewusst war: »Doch bin ich nur Staub und Asche« (18,27). Auch wir sollten lernen, unsere Anliegen überzeugend und klar vor Gott zu bringen – aber dies doch mit der nötigen Be-
scheidenheit zu tun. So etwa wie Rabbi Levi Itzchak von Berditschew, der trotz aller Unterwürfigkeit gegenüber Gott es gar wagte, den Ewigen zu einem »Din Thora« (rabbinisches Gericht) zu bitten, um Sein Verhältnis zum Volke Israel dort gründlich abzuklären.



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