Justiz

Poker mit dem Satan

Rezsö Kasztner verhandelte mit Adolf Eichmann und rettete 1.700 ungarische Juden. Doch ein israelisches Gericht verurteilte ihn wegen Kollaboration. Verteidigungsplädoyer eines Überlebenden

02.09.2010 – von Ladislaus LöbLadislaus Löb

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Oskar Schindler – Katholik, NSDAP-Genosse und Abwehr-Agent – gilt allgemein als heroischer Retter von 1.200 Juden während des Holocaust. Rezsö Kasztner – ein ungarischer Jude, dem Hunderte mehr ihr Leben verdankten – starb, zum Verräter abgestempelt, am Fehlurteil eines Richters und durch die Kugel eines Attentäters.

Der Holocaust erreichte Ungarn erst ein Jahr vor Kriegsende, nahm aber einen umso brutaleren Verlauf. Als Bündnispartner Deutschlands genoss das Land eine gewisse Unabhängigkeit. Als jedoch der Regent, Miklós Horthy, abzuspringen versuchte, besetzten Hitlers Truppen am 19. März 1944 das Land. Ihnen folgte prompt Adolf Eichmann mit seinem Judenkommando.

Bis dahin hatten Juden in Ungarn noch einigermaßen existieren können. Deshalb waren auch Tausende aus den von Deutschen überrannten Nachbarländern dorthin geflohen. Sie wurden von einem illegalen zionistischen Hilfs- und Rettungskomitee (Wa’ada Esra weHazala) betreut. Dessen treibende Kraft war Rezsö Kasztner, ein ehrgeiziger, arroganter, aber ungemein mutiger Journalist aus Siebenbürgen. Bald nach dem Einmarsch begann die Wa’ada, auszukundschaften, ob die korrupte SS zum möglichen Freikauf der zur Deportation bestimmten Juden bereit war.

Im April 1944 erhielt Kasztners Mitarbeiter Joel Brand ein erstaunliches Angebot von Eichmann: Die SS sei bereit, gegen 10.000 Lastwagen das Leben einer Million Juden zu schonen. Keine der Parteien konnte an ein solches Geschäft glauben. Eichmanns Vorgesetzter, Heinrich Himmler, wollte möglicherweise im letzten Moment als Judenfreund auftreten oder mit den Westmächten Friedensgespräche anknüpfen. Die Wa’ada fasste ihrerseits Hoffnung, dass die Deutschen nach einem Zeichen des Interesses von den Alliierten die Deportationen abbrechen könnten. Brand flog nach Istanbul, um Kontakte zu suchen, aber die Alliierten lehnten das Angebot ab, und die Briten verhafteten ihn als deutschen Spion.

Täuschungsmanöver Mit dem Mut der Verzweiflung führte Kasztner die Verhandlungen weiter. Nach langwierigen gegenseitigen Täuschungsmanövern bewilligte Eichmann für ein Lösegeld von 1.000 Dollar pro Person die Auswanderung von knapp 1.700 ungarischen Juden. Ich gehörte als Elfjähriger zu ihnen. Wir verließen Budapest am 30. Juni 1944 und sollten von einem französischen oder spanischen Mittelmeerhafen aus nach Palästina übersetzen. Stattdessen hielt unser Zug am 9. Juli in Bergen-Belsen.

Bergen-Belsen war kein Vernichtungslager, und wir waren eine besonders »privilegierte« Gruppe. Wir durften unsere eigenen Kleider ohne den gelben Stern tragen. Wir mussten keine Zwangsarbeit leisten. Unsere Familien wurden nicht auseinandergerissen. Unser Alltag wurde von unserer internen Verwaltung geregelt. Wir veranstalteten sogar kulturelle und religiöse Ereignisse. Dennoch machten Hunger und Durst, Kälte, Krankheiten, Streitigkeiten, Langeweile und Angst unseren Aufenthalt immer qualvoller. Nachdem im August etwa 380 von uns in die Schweiz abgefahren waren und weiter nichts geschah, verzagten die übrigen 1.300 immer mehr – bis im Dezember auch sie plötzlich in die Schweiz gebracht wurden. Bald danach verwandelte sich Bergen-Belsen in die Hölle, die die britischen Truppen im April 1945 antrafen.

Unsere Befreiung war Kasztners spektakulärste Aktion, aber nicht die einzige. Bereits im Sommer 1944 hatte er Eichmann durch weitere Schmiergelder bewogen, unter 15.000 angeblichen Schanzenbauarbeitern Tausende von Arbeitsunfähigen ins österreichische Strasshof statt nach Auschwitz zu bringen. Er behauptete auch, im Herbst 1944 das Budapester Ghetto und im Frühling 1945 Bergen-Belsen und andere Konzentrationslager mit Hunderttausenden von Gefangenen vor der Liquidation bewahrt zu haben. Aber an diesen Unternehmen war er höchstens als einer von vielen beteiligt.


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