Tourismus
Reise nach Aschkenas
Zu Besuch bei den Gräbern berühmter Rabbiner in Worms, Speyer und Frankfurt
12.08.2010 – von Danijel Majic
Sein Arbeitstag beginnt, wenn er den Schlüssel aus der Hosentasche zieht. Umtost vom Lärm der Battonstraße, einer der meistbefahrenen Verkehrsschneisen in der Frankfurter Innenstadt, schreitet Yoram Inbar die Mauer des alten jüdischen Friedhofs ab. Vorbei an tausenden Namensplaketten, die die Friedhofsmauer in Erinnerung an die Frankfurter Opfer der Schoa zieren. Dort, wo die Mauer im Westen endet, befand sich bis ins 19. Jahrhundert das Frankfurter Ghetto – die Judengasse. Bis zum Zweiten Weltkrieg tobte rund um den alten Friedhof das jüdische Leben im vornehmlich orthodoxen Ostend. Außer dem nahe gelegenen jüdischen Museum erinnern heute nur noch die Überreste des mittelalterlichen Friedhofs daran – und dieser ist die meiste Zeit über geschlossen.
Kunden Doch nicht für Yoram Inbar. Der 45-Jährige hat sich den Schlüssel besorgt, wie immer, wenn er der alten Grabstätte einen Besuch abstattet. Das schmiedeeiserne Tor schwingt auf. Es riecht nach Wald. In der Mitte des einstigen Gräberfelds stehen die verbliebenen Grabsteine eng beieinander. Von grüner Patina überzogen, teils im Boden versunken, teils in Schieflage dagegen ankämpfend, scheinen sie immer mehr Teil der Landschaft zu werden. »Man hat die Steine dort wieder aufgestellt, wo man sie gefunden hat«, erklärt Inbar. Er weiß einiges über diesen Friedhof zu berichten. Kaum verwunderlich, schließlich ist es sein Arbeitsplatz. Besser gesagt, einer von vielen. Seit drei Jahren organisiert Inbar Führungen zu jüdischen Grabstätten in ganz Deutschland – vor allem zu jenen auf denen sich Gräber bedeutender Rabbiner – Zaddikim – befinden.
»Für meine Kunden ist vor allem dieser Teil des Friedhofs interessant.« Inbar deutet auf die südwestliche Ecke der Friedhofsmauer, wo sich die Gräber prominenter Frankfurter Rabbiner wie Natan Adler, Joschua Falk oder Pinchas Halevi Horowitz befinden. Große Namen, die noch heute, zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod, in allen Jeschiwot geläufig sind. »Für viele Orthodoxe sind das Heilige und 99 Prozent meiner Kunden sind orthodox.« sagt Yoram Inbar, der auf den ersten Blick wenig Orthodoxes an sich hat. Seine Kleidung ist leger: Jeans, Turnschuhe, braunes Polo-Shirt, an dessen Kragen lässig eine Sonnenbrille baumelt. Lediglich die schwarze Kippa, die er jedes Mal aufsetzt, ehe er geweihten Boden betritt, verrät seine Religionszugehörigkeit. Als besonders religiös würde er sich nicht bezeichnen. Und dennoch glaubt auch Inbar, dass es sich bei den Grabstätten um »besondere Orte« handelt. »Und letzten Endes geht es ja darum, was meine Kunden glauben.«
Selbstständig Seine Karriere als Fremdenführer und Organisator von Rundreisen war Inbar nicht in die Wiege gelegt. In Jerusalem geboren und aufgewachsen, entschied er sich vor sechs Jahren nach Deutschland auszuwandern. »Israel war zu klein für mich«, scherzt er, »und Deutschland ein Abenteuer. Einen Plan hatte ich nicht. Ich wusste nur, dass ich mich selbstständig machen will.« Was folgte, waren Stationen als Krankenpfleger und eine Ausbildung zum Taxifahrer. »Dann hörte ich davon, dass Leute aus aller Welt anreisen, um das Grab von Seckel Löb Wormser, dem Baal Schem von Michelstadt, zu besuchen. Das fand ich interessant.« Aus Neugier begann er die Lage weiterer jüdischer Friedhöfe in der Umgebung von Frankfurt zu recherchieren, Fotos zu schießen und diese ins Internet zu stellen. »Alles was ich darüber weiß, habe ich mir selbst beigebracht und erlesen.« Schon kurz darauf kamen die ersten Anfragen per E-Mail. Juden aus aller Welt baten Inbar, sie zu den Ruhestätten der Zaddikim zu führen.
Mittlerweile kommen die Anfragen direkt auf sein I-Phone. Im SMS-Eingang stauen sich die Kurzmitteilungen. »24 Stunden am Tag, bekomme ich Anrufe und Nachrichten«, sagt Inbar. Wenn einer seiner Kunden mal wieder die Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten nicht bedacht hat, klingelt eben auch schon mal nachts das Telefon. »Denn der größte Teil meiner Kunden stammt aus den USA.«
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