Porträt der Woche

Der Liebe wegen

Valentina Marcenaro kam vor elf Jahren von Italien nach Dresden – und blieb

17.06.2010 – von Teresa StelzerTeresa Stelzer


Meine Mutter wurde zwar in Ägypten geboren, ihre Eltern waren aber Europäer. Mein Großvater leitete damals das jüdische Krankenhaus in Kairo. Ich kam am 18. Mai 1973 in Mailand zur Welt. Als ich 13 Jahre alt war, sind wir nach Riva del Garda, eine kleine Stadt am nördlichen Ufer des Gardasees, gezogen. Dort habe ich ein Sprachengymnasium besucht. Ich habe Englisch, Deutsch und Französisch gelernt. Für Sprachen begeistere ich mich, seit ich denken kann. Deutsch und Englisch waren auch meine Nebenfächer an der Universität, als ich Literaturwissenschaft studierte.

In unserem Ort gab es keine jüdische Gemeinde. Die nächste war in Verona, doch die gehörte nicht zu unserem Bezirk. Die Gemeinde, die in unserem Bezirk lag, war sehr klein und orthodox geprägt. Nach meinem Eindruck sind die italienischen Gemeinden überwiegend orthodox. Doch auch diese Gemeinde in Südtirol haben wir nie besucht, denn ich komme eher aus einer säkularisierten Familie. Nur ein paar Cousinen mütterlicherseits leben die jüdische Religion.

Strömungen Dennoch war es für uns immer eine Tatsache, dass wir Juden sind, jedoch eher aus kultureller Sicht. Im Alltag habe ich das kaum gespürt, ich bin nicht nach jüdischen Regeln erzogen worden. Ich selbst habe mich später phasenweise mit dem Judentum beschäftigt. Ein Höhepunkt war dabei das Schreiben meiner Diplomarbeit über jüdisch-amerikanische Literatur. Ich bin nach New York gegangen und habe mich eineinhalb Jahre intensiv mit dem Leben und Werk des Autors Chaim Potok auseinandergesetzt. Dabei habe ich viel über die verschiedenen Strömungen des Judentums gelernt. Ich selbst vertrete eher die liberalen Ideen.

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, sagte ich mir: Du hast so viel mit der englischen Sprache gearbeitet, jetzt musst du etwas für dein Deutsch tun. Also bin ich mit 27 Jahren nach Deutschland gegangen. Es hat mich nach Dresden verschlagen, weil hier die Schwester einer Freundin lebte und mir anbot, bei ihr zu wohnen. Ich wollte sechs Monate bleiben, ein bisschen jobben, mein Deutsch vertiefen. Jetzt sind daraus elf Jahre geworden, denn ich habe hier meinen Mann kennengelernt. Er ist Arzt. Wir haben mittler- weile zwei Kinder. Leah ist vier und Joschua acht Jahre alt.

Jüdischkeit Mit den Kindern kam mein Bedürfnis, dem Judentum näherzukommen, wieder. Ich habe überlegt, was ich ihnen weitergeben kann. Für mich gestaltet sich der Zugang zur Religion schwierig, denn als Erwachsener ist man viel kritischer. Ich bin überzeugt, dass man das Religiöse wesentlich in der Kindheit durch die Eltern vermittelt bekommt. Da ich das leider nicht erlebt habe, finde ich es umso spannender, dass meine Kinder jetzt in dieser Tradition groß werden. Natürlich werden sie später entscheiden können, was sie damit machen. Aber wenigstens haben sie die Grundlagen.



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