Lübeck

Einstürzende Altbauten

Pogrom und Krieg hat sie überstanden – jetzt droht die Synagoge zu verfallen

04.03.2010 – von Marlies Bilz-LeonhardtMarlies Bilz-Leonhardt

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In diesem Jahr wird sie 130 Jahre alt, die Synagoge in der Lübecker Altstadt. Als eine der wenigen jüdischen Gotteshäuser in Deutschland hat sie den Zweiten Weltkrieg überstanden. Doch wenn nicht bald etwas geschieht, droht ihr der Verfall. Wasserschäden, Risse in den Wänden, eine Frauenempore, die wegen statischer Mängel nur noch eingeschränkt begehbar ist, undichte Fenster notdürftig mit Klebeband abgedichtet, morsche Balken sind die äußerlich sichtbaren Mängel.

»Das Fundament muss dringend untersucht werden«, sagt Eduard Jankelevich vom Gemeindevorstand. Er ist selbst Bauingenieur und kann die Schwere der Schäden einschätzen. Nicht nur die Synagoge ist sanierungsbedürftig. Auch das nebenstehende Haus St.-Annen-Straße 11, in dem Gemeindebüro und Jugendzentrum untergebracht sind, weist erhebliche bauliche Mängel auf. Bei beiden Gebäuden fehlt jegliche moderne Wärmedämmung. Marode Abflussrohre produzieren unerträglichen Gestank. Wasser kannn nur abgekocht getrunken werden. Die ehemalige Mikwe ist heute Heizungsraum.

Eigentlich soll sie wiederhergestellt und als historisches religiöses Tauchbecken Teil der Ausstellung werden. Das ist zumindest der Plan von Maja Bobyleva vom Vorstand der Gemeinde. Die Mikwe, so Bobyleva, sei eine sinnvolle Ergänzung der Dauerausstellung zur Geschichte der Juden in Lübeck, die seit zwei Jahren in der Synagoge zu sehen ist. Gäste aus aller Welt haben sie bereits besucht.

Schändung Eröffnet wurde die Lübecker Synagoge 1880. Damals wirkte Rabbiner Salomon Carlebach in der Stadt. Die Nationalsozialisten rissen die prächtige maurische Fassade des Hauses nieder. Eine Sprengung des Gebäudes verbot sich, weil sie das nebenstehende St.-Annen-Museum gefährdet hätte. Der Gebetsraum wurde in der Pogromnacht 1938 geschändet. Er ist in seiner alten Form wiederhergestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nur noch sehr wenige Juden in Lübeck. Die Synagoge verfiel in einen Dornröschenschlaf. Der äußerlich unscheinbare Backsteinbau beherbergt heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde mit rund 800 Mitgliedern. Mehr als 95 Prozent von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit Schrecken erlebten sie den Brandanschlag auf ihr Gotteshaus im März 1994. Der Sachschaden hielt sich in Grenzen, Personen wurden nicht verletzt. Die Lübecker reagierten mit Empörung und Abscheu. Hunderte versammelten sich zu Mahnwachen vor dem Gebäude. Unter Führung von Bürgermeister Michael Bouteiller wurde ein Runder Tisch gegen Antisemitismus und rechtsradikale Gewalt gegründet.

Eigenleistung Die jüdische Gemeinde nahm dies erleichtert zur Kenntnis. Mit den Zuwanderern entfaltet sich seit rund 20 Jahren wieder reiches jüdisches Leben in der alten Hansestadt. Das ist jetzt in Gefahr. Eine so gewaltige Aufgabe wie die umfassende Sanierung von Synagoge und Gemeindezentrum kann die Jüdische Gemeinde aus eigener Kraft nicht bewältigen. In Eigenarbeit wurden in den vergangenen Jahren das Foyer zum Gebetsraum und die Garderobe frisch gestrichen. Mit eigenem Geld ließ man das Dach des Gemeindehauses notdürftig reparieren. Das Jugendzentrum wurde von der Lübecker Possehl-Stiftung finanziert, die seit 90 Jahren einerseits Maßnahmen unterstützt, die zum Erhalt des Stadtbildes beitragen als auch solche zur Förderung der Jugend.

Auf die Hilfe dieser Stiftung hofft die jüdische Gemeinde auch jetzt wieder. Die Kosten für die Sanierung, so der Gemeindevorstand, werden wohl mehrere Millionen Euro betragen. Ein Gutachten, das bereits 1998 in Auftrag gegeben worden war, weist Kosten von 2,4 Millionen Mark aus.


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