Porträt der Woche
»Mein Leben ist stressig«
Uli Ettinger geht in die 12. Klasse, besucht Uni-Seminare und arbeitet mit Jugendlichen
04.02.2010
Zurzeit ist mein Kalender ziemlich voll. Vergangene Woche musste ich drei Klausuren schreiben. Ich bin 19 Jahre alt und gehe noch zur Schule, in die zwölfte Klasse. Da gibt es vor dem Abitur viel zu tun.
Aber nicht alles in meinem Leben hat mit Schule zu tun. Sonntags arbeite ich im Jugendzentrum unserer Gemeinde hier in Düsseldorf. Ich bin Madrich und muss zuerst das Programm durchgehen, das ich im Laufe der Woche vorbereitet habe. Wir treffen uns um 12 Uhr. Am Anfang erledigen wir die Kleinigkeiten: So legen wir die Sachen für die Bastelgruppe heraus und bereiten etwas zu essen vor. Um 14 Uhr kommen dann die Kinder, meistens sind es 20 bis 30. In Deutschland haben wir leider das Problem, dass die Jugendlichen offenbar keine große Lust mehr haben, in die Jugendzentren zu gehen, denn die Zahlen sinken. In Frankreich zum Beispiel sieht das völlig anders aus. Wir versuchen herauszufinden, woran das liegt.
Im Jugendzentrum habe ich mich in letzter Zeit um Philosophie und Literatur gekümmert. Ich wollte etwas für die Älteren anbieten, etwas, das es vorher noch nicht gab. Doch es lief nicht so gut, das Interesse war gering. Vielleicht konnte ich es aber nur nicht vermitteln oder genug Werbung dafür machen. Ich werde jedenfalls versuchen, noch ein paar Jugendliche zu überreden, dass sie mitmachen. Für Philosophie interessiere ich mich auch in meiner Freizeit. Ich denke viel darüber nach, wie man zu einer guten Lebensweise kommt oder zumindest die richtige Richtung findet.
Nach dem Sonntag beginnt wieder der Schulalltag. Montags habe ich in den ersten beiden Stunden Philosophie. Der Unterricht geht bis 13.20 Uhr. Danach müsste ich eigentlich sofort zur Uni, zu einem Tutorium. Ich habe in diesem Semester mit einem Schülerstudium an der Uni begonnen. In letzter Zeit habe ich aber ein paar Veranstaltungen ausfallen lassen, weil ich mich mehr um die Schule kümmern muss. Montagabend ist Religionsunterricht, der findet in unserem Schulzentrum statt. Einige vom Jugendzentrum-Team sind dabei, deshalb ist es eigentlich immer lustig.
religion Erzogen wurde ich atheistisch, aber Religion interessiert mich schon. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, orthodox zu leben. Ich sehe das alles mehr als eine Lehre fürs Leben. Was wir zum Beispiel im Gottesdienst lesen, das kann man selbstverständlich anwenden, aber mir würde es besser gefallen, wenn die Menschen selbst darauf kämen. Die Religion ist kein schlechter Weg, um auf bestimmte Ideen oder Gedanken zu kommen, aber man geht dabei eben auch einen vorgegebenen Pfad.
Im Sommer hatte ich eine Phase, da bin ich jede Woche zum Gottesdienst gegangen. Es waren dort auch Mädchen aus Israel, von Lehava. Die gehen ins Ausland, lernen die Welt kennen und sind für das Jugendzentrum da. Sie haben uns viel erklärt, es war einfach super. Nach dem Gottesdienst haben wir uns mit ihnen getroffen, hatten ein jüdisches Abendessen, haben Wein getrunken und gesungen. Mir ist es immer wichtig, Menschen zu treffen. Zum Beispiel auch bei jüdischen Jugendfreizeiten. Daran habe ich schon oft teilgenommen – und übrigens vor zweieinhalb Jahren meine Freundin dort kennengelernt.
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