Leipzig

Erinnerung per Mausklick

Die Stadt schaltet am Holocausttag im Internet ihr Gedenk- und Totenbuch frei

28.01.2010 – von Teresa StelzerTeresa Stelzer


Während auf dem Rasen die Sonnenflecken tanzen, ruht der graue rechteckige Stein flach auf der Erde. Seine Schlichtheit wirkt stark. Die geschwungene Inschrift erinnert an das kurze Leben der Ruth Kirschbaum. Das behinderte jüdische Mädchen, geboren 1934 in Dresden, wurde am 21.11.1941 in der »Landesheil- und Pflegeanstalt« Leipzig-Dösen Opfer der nationalsozialistischen Kinder-Euthanasie. Das Foto ihres Grabmals auf dem Alten Israelitischen Friedhof begegnet einem als Erstes, wenn man auf der Internetseite der Stadt Leipzig das digitale Gedenk- und Totenbuch aufschlägt.

Ergänzungen Anlässlich des Gedenktages der Opfer des Holocaust wurde diese Datenbank nun am 27. Januar offiziell dem ersten Bürgermeister der Stadt, Andreas Müller, übergeben. Im Internet sind ab sofort Name, Vorname, Geburtsdatum, Geburtsort, Nationalität, Opfergruppe, Sterbedatum, Sterbeort und der Erinnerungsort des jeweiligen Opfers öffentlich zugänglich. Die Liste wird ständig erweitert.

Der Stadtrat selbst hatte im September 2000 das Projekt beschlossen, mit dessen Koordination die Abteilung Friedhöfe des Amtes für Stadtgrün und Gewässer beauftragt wurde. Mit dem Gedenk- und Totenbuch soll nicht nur an eines der schwärzesten Kapitel der Stadtgeschichte erinnert werden. »Zugleich soll mit der Dokumentation der Leipziger Opfer der Nationalsozialisten den ständigen Versuchen rechtsradikaler Kräfte, insbesondere auch diese Stadt als Aufmarschgebiet und als Verbreitungsgebiet ihrer menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Parolen zu missbrauchen, ein Denkzeichen entgegengesetzt werden«, betont Günter Schmidt, Leiter der Arbeitsgruppe.

opfergruppen Das Gedenkbuch beinhaltet die Angaben von Opfern der nationalsozialistischen »Euthanasie«, der Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit sowie von Bürgern, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihrer ausländischen Wurzeln oder ihrer religiösen und politischen Einstellung in KZ-Haft genommen und ermordet wurden. Der Bezug zur Stadt Leipzig wird bewusst weit gefasst. »Es kann der Geburtsort der Opfer sein, ihr Wohn-, Arbeits- und Wirkungsort, der Ort ihres Leidens unter den Nationalsozialisten, der Todesort oder der Ort, an dem sich ihre Grabstätte befunden hat oder befindet«, erläutert Günter Schmidt. Ihn unterstützen zehn bis zwölf Mitarbeiter, von denen sich meist jeder speziell einer Opfergruppe widmet. So besteht unter anderem eine Zusammenarbeit mit dem Bund der Antifaschisten/VVN und der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

Letztere kann mit ihrem Archiv dienen. »Aufschlussreich sind die Korrespondenzen aus den 50er-Jahren. Im Zuge von Restitutionsansprüchen wurden viele Nachweise über jüdische Identitäten eingereicht«, erklärt Klaudia Krenn, Sekretärin der Gemeinde. Sie arbeitet Hand in Hand mit Ellen Bertram, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schicksale der jüdischen Opfer zu erforschen. Ihr Engagement begann jedoch weit früher. In der Auskunft der Deutschen Bücherei in Leipzig tätig, konnte sie 1988 kaum Quellen zur jüdischen Geschichte ihrer Stadt finden, die für eine Ausstellung angefordert wurden.



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