Weißrussland

Diener der Erinnerung

Gemeindechef Leonid Lewin entwirft seit Jahren Kriegs- und Holocaust-Mahnmale

28.01.2010 – von Irene Dänzer-VanottiIrene Dänzer-Vanotti


Leonid Lewin hat aus den Papierbergen auf seinem Schreibtisch ein Blatt gefischt und zeichnet darauf die Zahl 1.147. Noch einmal zieht er mit dem Bleistift die Striche nach: 1.147. So viele Juden haben die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg aus mehreren Dörfern in der Hügellandschaft von Weißrussland zusammengetrieben und erschossen. 1.147 Steine hat der Architekt und Bildhauer Leonid Lewin von den Menschen, die heute in den Dörfern leben, zusammentragen lassen. Wie ein Fluss, wie ein Menschenstrom, zum Tal hin breiter werdend, liegen die Steine in der Nähe des Dorfes Gorodoje. Oben auf den Hügel hat Lewin drei Fensterrahmen gesetzt, ein wenig verschoben, als wären sie vom Wind zerzaust. Wie die Betrachter heute durch diese Rahmen schauen und die zarte Landschaft sehen, haben die Bewohner zum letzten Mal auf diese Gegend geschaut, die ihre Heimat war. Eine Gedenkstätte als Landschaftskunst.

Bundesverdienstkreuz Seit den 60er-Jahren gestaltet Leonid Lewin Orte der Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung in Weißrussland. Sie erinnern an drei Millionen Menschen. Jeder dritte Einwohner wurde zwischen 1941 und 1944 getötet. Der 73-jährige Lewin begegnet Deutschen dennoch nicht hasserfüllt. Im Gegenteil. Als Künstler und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden Weißrusslands setzt er sich dafür ein, »zwischen unseren Ländern Brücken zu bauen«. Dafür wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. An diesem Mittwoch waren Bilder seiner Werke erstmals in Deutschland zu sehen, in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in Berlin.

Wie eine sanfte Picasso-Version sieht Leonid Lewin aus mit seinem kahlen Schädel und den leuchtenden braunen Augen. Wenn er von den jüdischen Gemeinden spricht, verdüstert sich sein Blick ein wenig. Die Gemeinden in den Städten Minsk und Witebsk, der Heimat von Mark Chagall, sind klein. 800.000 Juden wurden in den Vernichtungslagern der Deutschen in Weißrussland umgebracht. Die wenigen Überlebenden sollten nach dem Krieg nach Birobidschan, das »Jüdische Autonome Gebiet« der Sowjetunion, deportiert werden. Doch Stalin starb, bevor er den Befehl dazu geben konnte. »Der Allmächtige hat durch Stalins Tod diesen Plan verhindert«, sagt Leonid Lewin und fügt hinzu: »Es dauert drei Generationen, die Empfindungen dieser Sklaverei zu vergessen. Das ist unsere Wüstenwanderung«.



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