Porträt der Woche
»Ich kaufe ständig Bücher«
Tanya Smolianitski kümmert sich um die jüdische Bildung mehrerer Gemeinden
21.01.2010 – von Matilda Jordanova-Duda
Das Telefon spielt eine große Rolle in meinem Leben, denn ich bin viel auf Reisen. Ich arbeite als Familien- und Bildungsreferentin in der Synagogengemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen. Da ich in Dortmund wohne, verbringe ich jeden Tag mindestens eine Stunde im Zug. Die Zeit nutze ich zum Lesen, zum Arbeiten, zum Nachdenken. Ich habe ein iPhone, um meine Mails unterwegs zu bearbeiten. Und ich twittere.
Auch abends bin ich fast immer außer Haus, weil ich in mehreren Gemeinden Seminare gebe. Donnerstags in Duisburg, dienstags in Dortmund. Außerdem habe ich noch Bochum, Neuss, Gelsenkirchen, Bielefeld. Das sind in der Regel Projekte, die Jahre dauern und regelmäßig stattfinden. Angefangen hat das 1996 in Dortmund. Mein Mann und ich, wir waren eines der ersten Paare aus der ehemaligen Sowjetunion. Und da mein Mann Physik-Professor ist und ich promovierte Historikerin, wurden wir in der Gemeinde sehr gut aufgenommen, ja geradezu gehätschelt. Es gab damals eine Vorlesungsreihe zum Thema »Die Juden in der russischen Kultur« und ich wurde eingeladen, eine dieser Vorlesungen zu halten.
Unser damaliger Rabbiner, Henry G. Brandt, hat mir dann vorgeschlagen, jeden Monat Vorlesungen über die Geschichte der Juden auf Russisch zu halten. Damals gab es keine große Auswahl an russischsprachigen Veranstaltungen. Es kamen jedes Mal bis zu 100 Leute. Rabbiner Brandt unterstützte mich sehr. Er sagte: »Du bist ein glücklicher Mensch: Du lehrst und lernst dabei selbst.« Tatsächlich saß ich damals einen Monat lang über den Vorbereitungen einer einzigen Vorlesung, denn mit der Geschichte des Judentums hatte ich mich bis dahin ja nicht beschäftigt. Während meines gesamten Geschichtsstudiums an der Moskauer Uni war das Wort »Jude« kein einziges Mal gefallen.
Zu jeder Vorlesung erstelle ich ein Begleitheft mit Landkarten, Bildern und Quellenangaben. Jetzt kommen nicht mehr 100 Leute zu meinem wöchentlichen Seminar in Dortmund, sondern nur noch 15 bis 18. Aber sie kommen jede Woche, manche schon seit 13 Jahren. Natürlich, einige sterben, ziehen um, bekommen Enkelkinder und müssen sich um sie kümmern. Aber es bleibt ein harter Kern. Sie sind inzwischen wie eine zweite Familie. Manch einer ruft aus dem Krankenhaus an: »Bitte geben Sie meine Arbeitsmaterialien Herrn oder Frau Soundso mit.« Andere erzählen mir, dass ihr verstorbener Vater ihnen die Heftsammlung vererbt hat.
Anzeige
Meistgelesen im Ressort
Fotostrecken
Unser Blog aus Israel
Tu Bischwat
Jüdischer Staat
Wetter
können wir Wunder vollbringen.«
1














