gesellschaft
Der Stammtisch ruft
Die meisten deutschen Juden sind genauso spießig wie ihre Mitbürger – und das ist auch gut so
14.01.2010 – von Michael Wuliger
Kurt Tucholsky hat einst die Figur des Herrn Wendriner geschaffen, des prototypischen deutsch-jüdischen Spießers. Herr Wendriner ist kleiner Geschäftsmann, politisch reaktionär und kulturell borniert. Sein Judentum besteht im Kern nur noch aus dumpfem Misstrauen gegen die Gojim, bei gleichzeitiger serviler Assimilationsbeflissenheit an die Mehrheitsgesellschaft. Diese fiktive Gestalt war durchaus repräsentativ für die Masse der deutschen Juden damals, repräsentativer allemal als Künstler und Intellektuelle wie Max Liebermann, Franz Rosenzweig oder eben Kurt Tucholsky.
kleinbürger Auch heute sind die meisten Juden in Deutschland keine weltläufigen Intellektuellen, sondern gehören zur bürgerlichen Mittelschicht. Sie verdienen ihr Geld als Angestellte oder kleine Unternehmer, wohnen zur Miete oder in hypothekarisierten Eigenheimen, stöhnen über die Steuern, haben 2009 auf den letzten Drücker noch die Abwrackprämie für ihr Altauto kassiert, machen sich Sorgen, ob der Notendurchschnitt ihrer Kinder für die Zulassung zum BWL-Studium reicht. Kleinbürgerlich ist auch die Mentalität. Das Gros der Juden lebt in klassischen Kleinfamilien; Lebensentwürfe außerhalb dieses Musters sind ihnen leicht suspekt. Auch in Staat und Gesellschaft bevorzugen sie geordnete Verhältnisse, wählen CDU oder rechte Sozialdemokraten. Dass, wer es mit harter Arbeit zu was gebracht hat, mehr wert ist als Faulpelze, die von anderer Leute Steuern leben, werden 90 Prozent aller Juden sofort unterschreiben. Intellektuell oder künstlerisch interessierter als andere sind sie ebenfalls nicht. Im Wohnzimmer – Gelsenkirchener Barock und/oder Ikea – stehen auf dem Bücherbrett nicht Philip Roth und Else Lasker-Schüler, sondern vier oder fünf Buchklubbestseller plus ein Israelbildband. An den Wänden hängen Ölschinken (eventuell nicht Alpen, sondern Klagemauer). Aus der Stereoanlage ertönt André Rieu statt Barenboim. Auch mit der Religiosität ist es nicht weit her. In ihrer jüdischen Gemeinde sind die meisten zahlende Mitglieder, die Synagoge von innen sehen sie nur an den Hohen Feiertagen. Ihre Lebensmittel kaufen sie bei Edeka, nicht im überteuerten Koscherladen. Und mehr als der Nahostkonflikt belasten sie Konflikte in der Ehe oder am Arbeitsplatz.
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