schoa-forschung
Tod und Spiele
Fußball als Überlebensstrategie im KZ
14.01.2010 – von Martin Krauss
therapie Aber es gab auch das, was der polnische Historiker Kryzstof Dunin-Wasowicz als »therapeutische Formen des Sports« beschreibt. Etwa der Fußball in Auschwitz und anderen Lagern, der Häftlingen half, das Leben halbwegs erträglich zu gestalten. Es ist das, was Kertész und Borowski in so verstörend angenehmen Worten umschrieben. »Gewiss, ein Leben im Lager«, schreibt Borowski, »aber doch – Leben.« Diesen Ambivalenzen des Sports in den Konzentrationslagern möchte Springmann auf die Spur kommen.
Was das Interesse der SS daran war, beschreibt die Historikerin so: »Ab 1942 verstand die NS-Führung die KZs auch als Wirtschaftsunternehmen. Die Rüstungsindustrie benötigte Arbeitskräfte.« In dieser Phase tüftelte die SS eine Art Prämiensystem für Häftlinge aus. Dazu gehörte auch die Erlaubnis zum Fußballspiel. In Theresienstadt gab es sogar eine eigene Liga. »Kleiderkammer« gegen »Ghettowache«, »Köche« gegen »Hagibor Theresienstadt« traten da an. Nur in reinen Frauen-KZs gab es nach bisherigen Erkenntnissen keinen Sport.
leidenschaft Wer beim Fußball nicht mitspielen durfte, konnte zumindest zuschauen. »Die Spiele wurden dann in der Regel als Länderspiele ausgetragen«, erklärt Springmann. »Reichsdeutsche Häftlinge gegen Polen, gegen Russen, gegen Luxemburger und so weiter. In Mauthausen zum Beispiel waren viele Spanier, die eine große Fußballleidenschaft hatten.« Über Zuschauerzahlen ist nichts bekannt, aber, so Springmann, »wenn man die Berichte liest, hat man den Eindruck, als müssten es viele gewesen sein«. Als Zuschauer standen dort SS-Leute und Häftlinge gleichermaßen. »Ich fand einen Bericht über das Finale eines Turniers, das zwischen Polen und Deutschland ausgetragen wurde«, berichtet Springmann. »Es wirkte so, dass man die deutschen Häftlinge quasi als Vertreter Deutschlands sah. Als letztlich die Mannschaft der polnischen Häftlinge gewann, war es zumindest für die nichtdeutschen Häftlinge so, als hätte Polen den Krieg gewonnen.«
Auf die Frage, ob ihre Arbeit nicht das Leiden in den KZs verharmlose, antwortet Springmann: »Die Forschung kann erklären, wie das komplexe System KZ funktioniert hat. Es geht um die Bewahrung oder Entwicklung von Individualität, auch unter solchen extremen Bedingungen.«
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