Berlin

Lernen wie in Lakewood

In der Brunnenstraße inspirieren junge Rabbiner eines US-Kollels die Gemeinde

30.11.2017 – von Detlef David KauschkeDetlef David Kauschke

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Yaakov Baum unterbricht das Lernen, legt sein Buch zur Seite und kommt freundlich lächelnd auf den Besucher zu: »Willkommen im Berlin Lakewood Kollel«, sagt der Rabbiner. Die anderen jungen Männer grüßen kurz, wenden sich dann wieder dem Talmud zu. Im Moment beschäftigen sie sich mit dem Traktat Nidda. Es geht um die Reinheit der Frau.

Rabbi Baum trägt schwarzen Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte – und schwarze Kippa. Er spricht über das Lernen, das Kollel und seine Aufgabe in Berlin. Und er erzählt ein wenig von sich, dass er 30 Jahre alt und verheiratet ist, mit seiner Frau Rachel zwei Kinder hat, die fünf und zwei Jahre alt sind.

Highschool Er ist in Detroit geboren, hat dort und in Philadelphia die Highschool besucht, einige Jahre an der Brisk Yeshiva in Jerusalem verbracht und lebte und lernte danach in Lakewood, New Jersey/USA. Dort studieren rund 7000 junge Männer am Beth Medrash Govoha. Es ist eine orthodoxe Bildungseinrichtung mit Jeschiwa und Kollel.

In einem Kollel lernen zumeist verheiratete Männer in Vollzeit und auf hohem Niveau Talmud sowie rabbinische Literatur. Die Jeschiwa ist vergleichbar, aber hier lernen eher jüngere Unverheiratete.

Community Outreach Rabbi Andrew Savage ist Deutschland-Direktor der Ronald S. Lauder Foundation und Geschäftsführer von Lauder Yeshurun. Er koordiniert das Kollel-Projekt in Berlin und berichtet vom Modell des »Community Outreach« in Lakewood. Von dort sei die Idee der Kollelim in andere Orte in den USA, nach Kanada, Australien und Mexiko gegangen. Bereits in über 80 Städten seien sie tätig. Vor wenigen Jahren habe ein Kollel auch in Moskau eröffnet. Nun also in Berlin.

Rabbi Savage kann das Kollel unter anderem mit Spenden aus Großbritannien, der Schweiz und den USA finanzieren. Und er erhält großzügige Unterstützung von Spendern aus der Berliner Gemeinde.

Nukleus Die Idee war, die Gemeinde auf ein höheres Level des jüdischen Lernens zu bringen. »Wir haben sozusagen einen Nukleus von fünf jungen Familien, die sich dem jüdischen Lernen widmen – und dieses auch mit anderen teilen. Dies wird einen deutlichen Effekt auf unsere Gemeinde haben«, erklärt Rabbi Savage.

Zur Gemeinde gehören etwa 70 Familien und zahlreiche Singles. Viele Interessierte kommen auch aus anderen Teilen der Stadt hierher. Für alle sei das Angebot eine Bereicherung, ist sich Rabbi Savage sicher. »Die meisten wuchsen hier in Deutschland ohne die Möglichkeit auf, sich einen starken Hintergrund jüdischen Lernens zuzulegen. Jetzt besteht diese Möglichkeit. Wer also nicht die Zeit oder Gelegenheit hatte, in einer Jeschiwa zu lernen, ist hier richtig.«

Und auch die Jüngeren in der Gemeinde könnten hier inspiriert werden, eine akademische Ausbildung oder das Studium an einer Jeschiwa, oder beides zusammen, anzustreben. Das Gemeindeleben soll mit einer breit gefächerten und intensiven Bildungsarbeit unterstützt werden. »Das Kollel soll dabei so etwas wie der Mittelpunkt der Gemeinde sein, Erwachsene und auch Kinder zum Lernen anregen.«

Skoblo Center Das Berlin Lakewood Kollel befindet sich im Beit Midrasch im ersten Stock des Skoblo Center in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, gemeinsam mit dem Rabbinerseminar zu Berlin, in dem derzeit neun Studenten ausgebildet werden. Im selben Raum treffen sich viele Mitglieder der Gemeinde Kahal Adass Jisroel zum Lernen. Insofern gebe es hier einen sehr fruchtbaren Austausch. »Und die Energie, die von den jungen Männern ausgeht, die abends noch im Beit Midrasch sitzen und lernen, kann ansteckend sein.«

Die wiederum befinden sich damit Tag für Tag mitten in der Gemeinde. »Es ist eben ein anderes Modell als zum Beispiel in Israel, wo manche das Leben außerhalb des Beit Midrasch nicht so wahrnehmen«, erklärt Rabbi Savage.

Wichtig für die jungen Familien war, in ein jüdisches Umfeld zu kommen. Sicherlich wäre das in den USA oder Israel einfacher. Aber auch in Berlin-Mitte haben sie nun eine Gemeinde mit Synagoge, Kindergarten, Schule, koscherem Lebensmittelgeschäft und allem, was dazugehört, gefunden. Sie sind begeistert nach den ersten Wochen. »Die Gemeinde hier hat uns sehr freundlich aufgenommen. Sie sind sehr angetan von den neuen Lernmöglichkeiten. Das hilft uns auch«, sagt Rabbi Baum.

Überrascht hat ihn die Vielfalt und Lebendigkeit. »Es sind Menschen so unterschiedlicher Herkunft, und es gibt hier so viele Kinder. Dazu noch die pulsierende Stadt. Wir waren diesen europäischen Lifestyle nicht gewohnt.« Die Schoa ist hier im Land der Täter für ihn eigentlich kein bestimmendes Thema. »Ich dachte erst, es wäre anders.«

Sprache Sie kamen hierher, um »einen Unterschied zu bewirken«, sagt Rabbi Baum. Dafür habe man die eigene »Komfortzone« in Amerika verlassen. Zumindest sprachlich müssen sie sich noch nicht umstellen. »Hier beherrschen wirklich alle Englisch, sodass ich kaum dazu komme, Deutsch zu lernen. Mein Kind bekommt die neue Sprache viel schneller mit als ich«, lacht er. Seine Frau ist ebenfalls in der Gemeinde tätig, sie unterrichtet in der Schule, hält Vorträge und ist in verschiedene Programme von Lauder Yeshurun eingebunden.

Rabbi Baum lernt gemeinsam mit den jungen Männern im Kollel am Vormittag und Nachmittag. Sie studieren Gemara und Halacha, also Talmud und jüdisches Gesetz. An den Abenden und am Sonntag geben sie Schiurim, Unterricht für Mitglieder der Gemeinde, in Chewruta oder in kleinen Gruppen. »Sie sind offen für jedermann«, versichert Baum. Die Bandbreite reicht von der Gemara bis zur Halacha, von praktischen Fragen bis zu ganz Grundsätzlichem: »Warum sollte man heute noch auf Dinge hören, die Rabbiner vor 1000 Jahren gesagt haben?« Bald wird es – zum Feiertag passend – Schiurim zum Thema Chanukka geben.

Urgrossvater Baum stammt übrigens aus einer bekannten Rabbinerfamilie und hat familiäre Wurzeln in Deutschland. Seine Großeltern väterlicherseits, Henry und Rosie Baum, stammen aus Köln beziehungsweise aus Frankfurt. Yaakov Baums Urgroßvater, Asher Berlinger, war Rabbiner in Deutschland. »Insofern ist es eine gewisse Befriedigung, die Tora wieder dorthin zu bringen, wo sie einst war«, sagt er.

Der junge Rabbiner ist jetzt in Berlin der Rosch Kollel. Wie lange er bleiben wird? »Das ist doch erst der Beginn. Solange es Menschen gibt, die die jüdischen Quellen kennenlernen wollen, wird das Kollel mit ihnen lernen.«

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