Charakter

Ringen bis zur Morgenröte

Am Jabbok kämpft Jakow mit dem Bösen – und geht gestärkt als Sieger hervor

30.11.2017 – von Rabbiner Jaron EngelmayerRabbiner Jaron Engelmayer

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Der Kampf Jakows mit der unbekannten Gestalt mitten in der Nacht gehört zu den verwunderlichsten und nebulösesten Geschichten in der Tora: Jakow, der sich am gleichen Tag auf das furchteinflößende Treffen mit seinem Bruder Esaw und dessen Soldaten vorbereitet hat, bleibt des Nachts allein am Ufer des Flusses Jabbok zurück.

Die Familie befindet sich bereits auf der anderen Seite, als plötzlich ein unbekannter Mann aus dem Dunkel tritt und mit ihm kämpft. Jakow wird zwar verletzt, doch er geht siegreich aus der Auseinandersetzung hervor und schließt sich seiner Familie an.

Diese kurze Begebenheit, die in gerade einmal sechs Sätzen beschrieben ist, wirft eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser Mann? Was genau wollte er?

gespräch Noch unklarer ist jedoch das Gespräch, das sich zwischen den beiden am Ende des Kampfes entwickelte: »Und er (der Mann) sagte: ›Entlasse mich! Denn die Morgenröte ist aufgestiegen.‹ Und er sprach: ›Ich werde dich nicht entlassen, es sei denn, du segnest mich.‹ Und er sagte zu ihm: ›Wie ist dein Name‹, worauf er erwiderte: ›Jakow.‹ So sprach er: ›Dein Name soll nicht mehr Jakow sein, sondern Israel, denn du hast dich mit G’tt und mit Menschen gemessen und hast es geschafft.‹ Jakow aber fragte und sagte: ›Künde mir doch deinen Namen!‹ Und er sprach: ›Warum fragst du denn nach meinem Namen?‹ Und er segnete ihn daselbst« (1. Buch Mose 32, 27–30).

Wie kommt der besiegte Gegner dazu, um Entlassung zu bitten, weil die Morgenröte aufgestiegen ist? Und weswegen bittet Jakow ausgerechnet ihn, der ihn doch anfiel und mit ihm kämpfte, um einen Segen? Dann fragt der Unbekannte Jakow nach seinem Namen – wusste er denn nicht, mit wem er kämpfte?

Und musste Jakow den außergewöhnlichen Namen Israel, den wir bis heute tragen, gerade von diesem Mann erhalten? Welche Bedeutung hat der neue Name? Warum wollte Jakow den Namen des Unbekannten erfahren, dieser ihn aber nicht preisgeben? Womit segnete ihn der Fremde am Ende? Es bleiben viele Fragen.

Unsere Weisen sehen in dem Fremden bekanntlich einen Engel. Aus diesem Grund ist der Rambam, Maimonides (1135–1204), der Auffassung, dass der Kampf nicht in der Realität stattgefunden hat, sondern in einer prophetischen Vision, da Engel keine körperlichen Wesen sind und ein physischer Kampf mit einem Menschen nicht möglich ist (More Newuchim 2,42).

symbolik Dem setzt Nachmanides, der Ramban (1194–1270), entgegen, dass Jakow am kommenden Morgen von der Verletzung hinkte, und wie könnte dies durch eine reine Vision zustande gekommen sein? Vielmehr, so der Ramban, gab es einen tatsächlichen Kampf. Doch auch, wenn man dieser Auffassung folgt, ist klar, dass die Symbolik des Kampfes viel tiefer greift und von höherer Bedeutung ist als das bloße physische Ringen der beiden Männer.

Unsere Weisen führen aus, dass es sich bei dem Engel um den Himmelsfürsten Esaws handelte. Dieser versinnbildlicht das ganze böse Potenzial, das in Esaw steckt, vom Bruderhass, den er Jakow entgegenbrachte, über den reinen Hass der Amalekiter – Amalek war ein Enkel Esaws – beim Überfall auf die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten, bis hin zu Haman, dem Agagiter (aus dem Stamm Amaleks), der das jüdische Volk vernichten wollte.

Auch sehen unserer Weisen im römischen Exil, das bis heute andauert, und allen Verfolgungen der Juden während der vergangenen 2000 Jahre die Fortsetzung des Geistes Esaws und nennen dieses Exil auch »Galut Edom«, das edomitische Exil, basierend auf dem Vers »Esaw ist Edom« (1. Buch Mose 36,1). Noch weiter gefasst kann dieser Himmelsfürst als Inbegriff des Bösen schlechthin verstanden werden, der nicht von ungefähr ausgerechnet aus der Dunkelheit auftauchte.

Dunkelheit Nun ist es aber das Pech der Dunkelheit, dass sie dem Licht weichen muss. Jakow focht also mit der Dunkelheit, mit dem Bösen. Dabei verletzte er sich an der Hüfte, sinnbildlich für alle Verletzungen, die das Böse den Nachkommen Jakows, die aus seiner Hüfte hervorgehen werden, zufügen wird (Midrasch Bereschit Raba 77,3). Jedoch können die Verletzungen Jakow nicht zu Fall bringen, vielmehr überwindet er das Böse, wenn auch hinkend, und geht siegreich aus dem Kampf hervor.

Nun, da der Engel merkt, dass er besiegt wurde, und seine Zeit vorbei ist – die Morgenröte steigt auf und kündet das kommende Licht an –, bittet er um Entlassung, denn er wird nun im Licht aufgehen und seine Existenz verlieren. Doch Jakow möchte erfahren, wozu das Böse gut war, welchen Segen es ihm gebracht hat, welche g’ttliche Aufgabe diesem andauernden Kampf gegen das Böse innewohnt.

Die Antwort darauf steckt in seinem neuen Namen: Israel. Ein Name steht für das Wesen, die Erscheinung, die Aufgabe und Bedeutung, die jemandem innewohnt. Nicht mehr allein Jakow sollst du heißen, der seinem Bruder Esaw an der Ferse – hebräisch: Ekew – anhaftet, sich stets vor ihm fürchtet und überlegen muss, wie er ihn überwinden kann. Nein, Israel sollst du heißen, der den Schwierigkeiten und Herausforderungen von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und sie besiegt!

Die Aufgabe des Bösen ist es, aus Jakow Israel zu machen, ihm das Rückgrat zu stärken, über den Schwierigkeiten zu stehen und sie zu meistern. Deswegen heißt Jakow von nun an auch nicht »Sarel«, »der sich mit G’tt gemessen hat« (Vergangenheitsform), sondern »Israel« (Futur). In der Zukunft wird das Böse keinen Namen und keine Funktion mehr tragen, es wird im Licht aufgehen, wenn der Segen vollbracht ist und aus Jakow endgültig Israel geworden sein wird.

Zusammentreffen Es geht in dieser Begebenheit aber nicht nur um den Hinweis auf die ferne Zukunft, vielmehr steckt in ihr die Anleitung für den Umgang mit dem Bösen und wie ihm zu begegnen ist. Am Tag, bevor Jakow auf Esaw trifft, ist er voller Angst, fürchtet sich vor dem Zusammentreffen und den möglichen schlimmen Folgen (32, 8–12). Die Spannung, die in der Luft liegt, ist fast zum Schneiden.

Ganz anders ist die Stimmung am kommenden Tag, als Jakow seinem Bruder tatsächlich gegenübersteht. Ruhig und überlegt geht er vor, von Anspannung und Angst ist nichts mehr zu spüren, bis sich schließlich alles in Wohlgefallen auflöst.

Wie kam es zu dieser Veränderung? Jakow hat im Geist das Böse überwunden! Die innere Angst musste nach überstandenem Kampf der Ruhe und Gewissheit weichen, dass sich die Dinge zum Guten wenden – mit G’ttvertrauen.

Der Autor ist Rabbiner in Karmiel/Israel.


Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra-El (»G’ttes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

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