Analyse

Wer stoppt Teheran?

Der Iran beobachtet, wie die Welt auf Nordkorea reagiert – und baut derweil seine Vormachtstellung aus

14.09.2017 – von Richard SchneiderRichard Schneider

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Wie desaströs US-amerikanische Politik geworden ist, ist daran zu erkennen, dass sie inzwischen fast nur noch über die Tweets des Darstellers eines Präsidenten im Weißen Haus – ja, ich meine Donald Trump – zu erfahren ist. In 140 Zeichen schafft es Trump immer wieder, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, und seinen Führungsstab gleich mit – auch und vor allem mit seinen Drohungen oder Vernichtungsfantasien gegenüber Nordkorea.

Mal abgesehen davon, dass Trumps Machogetöse Nordkoreas Führer Kim Jong Un bislang nicht einmal im Ansatz eingeschüchtert hat, ist es eine ernste Frage, was die USA tatsächlich gegen den asiatischen Staat mit Nuklearwaffen ausrichten können.

angriff Ein Angriff, egal ob mit oder ohne Atomwaffen, wie Trump es gerne hätte (oder behauptet, es tun zu wollen), führt unweigerlich zu einem Krieg, der nicht nur die Vernichtung Südkoreas zur Folge hätte, sondern China und Russland mit in den kriegerischen Konflikt hineinziehen könnte und verheerende Folgen für die Weltwirtschaft hätte. Wie hält man also Nordkorea in Schach? Einfach ignorieren? Gezielte Angriffe auf das Atomarsenal in Absprache mit Russland und China?

Tatsächlich sieht es so aus, als ob Washington keine echten Optionen hat. Die Tweets von Donald Trump sind insofern verheerend, als sie ihn möglicherweise schlussendlich als Papiertiger erscheinen lassen könnten. Auf alle Fälle scheint Nordkorea ein Beweis dafür zu sein, dass sich der Besitz von Atomwaffen lohnt. Man macht sich offensichtlich unangreifbar.

Keine Frage, der Iran beobachtet die Entwicklungen im Fernen Osten genau. Während die Welt so tut, als ob mit dem Atomabkommen alles in Ordnung sei, und gleichzeitig, die Europäer allen voran, ins Big Business mit Teheran eingestiegen ist, betrachtet Israel die Entwicklung naturgemäß mit großer Sorge. Ebenso die führenden sunnitischen Staaten.

hisbollah Der Iran hat Zeit. Und nutzt sie. Er baut seine Vormachtstellung immer weiter aus. Niemand zweifelt inzwischen daran, dass der syrische Diktator Assad überleben und sogar in weiten Teilen Syriens siegen wird. Und der Iran hilft ihm dabei. Mithilfe seines Vasallen, der Hisbollah, mithilfe technischen und strategischen Know-hows durch die Revolutionsgarden und mithilfe von Fabriken, in denen inzwischen iranische Raketen gebaut werden, die auch der Hisbollah zugutekommen sollen. Fabriken existieren bereits in Syrien, auch im Libanon sollen nun Präzisionsraketen hergestellt werden. Ob dies schon geschieht oder in Planung ist, ist nicht ganz klar, die Einschätzungen widersprechen sich.

Israel startete im August eine diplomatische Initiative sowohl in Russland als auch in den USA. In Washington traf eine Delegation israelischer Militär- und Geheimdienstexperten ein, um die Entwicklungen in Syrien zu besprechen. Dabei wollten die Israelis ihre neuesten Erkenntnisse über die Aktivitäten Irans vorlegen. In der Hoffnung, dass die USA dagegen etwas tun werden?

Es dürfte inzwischen jedem Politiker in Jerusalem klar geworden sein, dass Trump Syrien den Russen überlassen wird. Ihn interessiert der Bürgerkrieg nur insofern, als er den IS zerstört sehen will, mehr nicht. Die israelische Delegation dürfte also eher deutlich gemacht haben, dass man in Syrien künftig mehr als bislang handeln werde, um Irans Einfluss so weit wie möglich zurückzudrängen.

putin Ebenfalls im August traf Premier Netanjahu erneut mit Russlands Präsident Putin zusammen. Auch ihm wird er wohl verdeutlicht haben, dass Israels Sicherheitsinteressen massiv betroffen sind und man »rote Linien« habe.

Bibi dürfte bewusst sein, dass Russland keinen Konflikt mit dem Iran suchen wird. Nicht nur, weil man gemeinsam Assad unterstützt, sondern weil ein solcher Konflikt Russland Probleme schaffen könnte, die es nicht haben will. Und für Israel wird Putin seine politische »Ruhe« gewiss nicht opfern.

Mit anderen Worten: Die Besuche in den USA und Russland waren »Vorankündigungen« für eigene militärische Schritte, man holte sich Legitimation ab. Und kurz danach kam bereits ein wichtiger Angriff: Anfang September zerstörte Israel eine Waffenfabrik bei Masyaf, in der nicht nur Chemiewaffen und Fassbomben hergestellt wurden, sondern auch Raketen.

raketenabwehrsystem Dass selbst das russische Raketenabwehrsystem S-400 diesen Angriff nicht stoppen konnte, ist dabei von besonderer Bedeutung: Hat Russland den Israelis auf diese Weise grünes Licht gegeben, oder funktionierte das System nicht? Letzteres würde bedeuten, dass die israelische Luftwaffe einen Weg gefunden hat, um das beste Raketenabwehrsystem der Welt auszuschalten. In einem Tweet erklärte der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Yadlin, Israel werde sich von der S-400 nicht abhalten lassen, seine Sicherheitsinteressen durchzusetzen.

Der Iran wird versuchen, in Syrien weiter Einfluss und Terrain zu gewinnen und sich so immer näher an die Grenze zu Israel zu schieben. So kann Teheran die Zeit nutzen, bis das Atomabkommen in nur wenigen Jahren ausläuft. Wer sollte die Mullahs dann stoppen, ihre Bombe zu bauen? Das Beispiel Nordkorea zeigt: Hat man erst einmal die Bombe, ist man so gut wie unantastbar. Das aber könnte bedeuten, dass Israel in wenigen Jahren doch einen Angriff starten könnte, um die iranische Bombe zu verhindern. Welche Folgen dies haben würde, mag man sich lieber nicht ausmalen.

Der Autor ist Publizist und ARD-Dokumentarfilmemacher, er lebt in Tel Aviv.

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