Wuligers Woche

Und täglich grüßt der Hitler

Nazivergleiche sind meistens schief. Und deshalb so populär – auch unter Juden

31.08.2017 – von Michael WuligerMichael Wuliger

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Also, Donald Trump ist wie Hitler. Das wissen wir seit dem »stern«-Titel von voriger Woche. (Der US-Präsident sah auf dem Cover des Hamburger Magazins allerdings eher aus wie ein römischer Imperator mit Toga. Die Bildredaktion des »stern« braucht noch ein bisschen Nachhilfe in Geschichte.) Dabei ist doch eigentlich Angela Merkel Hitler. Türkische Massenmedien haben die Kanzlerin jedenfalls den Sommer über immer wieder mit Bärtchen und brauner Uniform gefotoshoppt.

Vor ein paar Jahren, im Irakkrieg, war George W. Bush Hitler, meinte damals Gerhard Schröders Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Selbiger Bush wiederum hatte Saddam Hussein als noch schlimmer als Hitler bezeichnet. So viele Wiedergänger wie der Naziführer hat kaum eine andere historische Gestalt. Und das, obwohl der Mann erst seit 72 Jahren tot ist.

Gurion Natürlich haben jüdische Stimmen – aber nicht nur die – sofort nach dem »stern«-Titelbild darauf hingewiesen, dass der Vergleich mit Hitler nicht nur historisch schief ist, sondern auch geeignet, die Singularität der Naziverbrechen zu bagatellisieren. Übersehen haben sie dabei allerdings, dass Hitler- und Nazi-Analogien sich auch und gerade unter Juden großer Popularität erfreuen.

Kein Geringerer als David Ben Gurion verglich 1963 seinen Erzfeind Menachem Begin mit – genau – Adolf Hitler. Ausgeflippte Charedim in Jerusalem bezeichnen missliebige Ärzte des Hadassah-Hospitals schon mal als »Dr. Mengele«; Henryk M. Broder tituliert die »taz« gerne als »Kinder-Stürmer«; Siedler klebten nach dem Oslo-Abkommen 1993 in Israel Plakate, auf denen Yitzhak Rabin als SS-Mann dargestellt war; jüdische Berater und Minister von US-Präsident Trump müssen sich online als »Judenräte«, gar »Kapos« etikettieren lassen.

So inflationär sind Nazi- und Hitlergleichsetzungen in Israel geworden, dass 2014 in der Knesset ein Gesetzentwurf eingebracht wurde, der diese Art Analogien unter Strafe stellte. Manche Gegner des Gesetzes meinten wiederum, solche Einschränkungen der Redefreiheit seien nazistisch.

A...löcher Besonders blühen die Nazivergleiche natürlich im Netz. Hier gilt das Godwinsche Gesetz, 1990 von dem britischen Anwalt und Sachbuchautor Mike Godwin formuliert: »Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.«

Godwin höchstpersönlich jedoch lässt auch Ausnahmen zu. Auf Anfrage eines Twitter-Users nach den Krawallen von Charlottesville vor drei Wochen, wie man denn die rechtsradikalen Gewalttäter anders bezeichnen könnte, tweetete er: »Vergleichen Sie diese A...löcher ruhig mit Nazis!«

Da indes muss man Godwin widersprechen. Wer mit Hakenkreuzfahnen aufmarschiert, wird das Wort »Nazi« mutmaßlich nicht als Beleidung empfinden, sondern, im Gegenteil, als Lob auffassen. In diesen wie in anderen Fällen tut’s das »A...loch« besser.

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