ZWST-Machane

Nach Hause telefonieren

Manche Kinder bekommen Heimweh – Warum ein generelles Handyverbot nicht die beste Lösung ist

10.08.2017 – von Christine SchmittChristine Schmitt

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Mehr als 700 Handys werden mit ihren jungen Besitzern während der Sommerferien mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) auf Reisen gehen. Zwar steht auf den Info-Bögen der ZWST, dass die Handys stören und die Kinder sie nicht unbedingt nutzen sollen, doch ein Jugendlicher ohne Handy hat heute Seltenheitswert.

Ob die Kids sie immer bei sich tragen oder ob sie eingesammelt und für maximal eine Stunde am Tag wieder zurückgegeben werden, das hängt vom Alter des Kindes und der Einstellung des Leiters der Gruppe ab.

nachricht Doch nicht nur für die Jugendlichen sind die mobilen Kommunikationsgeräte wichtig, auch für die Eltern spielen sie eine große Rolle. »Wenn ich nichts von meinen Kindern höre, dann geht es ihnen gut.« Bettina, Mutter von drei Töchtern im Alter von 13, 18 und 20 Jahren, freut sich mit ihnen, dass sie so eine schöne Zeit in den Ferien verleben können, wenn sie mit der ZWST auf Reisen sind. In diesem Sommer genießen sie erst die Sonne im italienischen Gatteo und schließlich die spanischen Sonnenstrahlen in Marbella. »Aber eines wünsche ich mir: Wenn sie angekommen sind, sollen sie mir eine kurze Nachricht senden.« Wenn etwas sein sollte, es einer Tochter nicht gut geht, dann soll sie auch eine SMS schicken oder anrufen.

Natürlich freut sich die 46-Jährige über jede Nachricht, die sie auf ihrem Handy findet. Ihrer jüngsten Tochter schickt sie auch mal einen Gute-Nacht-Gruß. »Ich habe einfach ein besseres Gefühl,wenn ich sie erreichen kann.« Auch wenn Ausflüge auf dem Programm stehen, findet sie es beruhigend, wenn die Kinder die Handys dabei haben und sich gegebenenfalls untereinander verständigen können.

»Meistens sind sie so beschäftigt, dass sie überhaupt keine Zeit haben, uns Eltern anzuschreiben.« Schließlich seien sie dort mit ihren Freunden zusammen, das Programm ist meist voll – da werden sie gut ausgelastet sein. Außerdem sei manchmal der Empfang sehr schwierig. Für WhatsApp braucht man im Ausland Internet, und das gibt es nicht überall, so die Erfahrung der dreifachen Mutter.

Liats Sohn wird ebenfalls mit nach Marbella reisen. Im Gepäck hat er sein Handy und natürlich das Ladekabel, denn er wird drei Wochen von zu Hause weg sein. »Er ist ein Junge, er schreibt nicht so viel«, meint Liat. Bis er auf eine Nachricht von ihr reagiere, dauere es mitunter eine ganze Weile. Ebenso, wenn die Oma oder der Vater ihn anschreiben. Und die Antworten fallen auch eher kurz aus. »Wir schreiben zwar alle fleißig, aber er eben nur ab und zu«, sagt Liat und lacht. Aber er solle schließlich eine schöne Zeit haben und die Tage genießen.

geburtstagsfeier Liats Sohn fährt zum dritten Mal auf das Sommermachane der ZWST, und jedes Mal hat er in dieser Zeit Geburtstag. Inzwischen ist er im absoluten Machane-Fieber und legt Wert darauf, sowohl im Sommer als auch im Winter dabei zu sein. Im vergangenen Jahr wurde er 13 Jahre alt und feierte während des Ferienlagers seinen Geburtstag und seine Barmizwa. Da das Thema der Reisen im vergangenen Jahr »Feiertage« war, hatten sich die Organisatoren überlegt, seine Mutter und Großmutter zur Barmizwa einzuladen und ihn mit ihrem Besuch zu überraschen. »Eigentlich wollte ich nach Israel fliegen, aber dann wurde es Italien.« Der 13-Jährige war vollkommen ahnungslos, und die Überraschung glückte. »Wir haben auf diese Weise etwas vom Machane miterleben können und waren so beseelt von diesen Tagen, dass wir wochenlang davon zehrten.« Doch in diesem Sommer wird Liat nach Tel Aviv fliegen.

Doras Tochter ist nun zum zweiten Mal in Bad Sobernheim dabei. Als Neunjährige war sie im vergangenen Sommer mit von der Partie – aber ohne Handy. »Ich musste ihr vorher versprechen, dass ich sie im Falle von nicht aufhörendem Heimweh abhole«, erzählt Dora. In Bad Sobernheim gebe es ein Telefon, das jeder nutzen könne. Außerdem könne sie ihrer Betreuerin Bescheid sagen, so lautete die Absprache. Ihre Tochter teilte sich das Zimmer mit zwei anderen Mädchen, von denen eines tatsächlich das Machane abbrach. Das erfuhr Dora aber erst später. »Da war ich stolz auf sie, dass sie es ohne Heimweh geschafft hat.« Als sie zwei Tage lang nichts von ihrer Tochter gehört hatte, schrieb sie die Betreuerin an, um nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Ihre Tochter braucht Unterstützung, da sie nicht so gut laufen kann und längere Strecken lieber im Rollstuhl bewältigt.

Der älteste Bruder hatte aus Erfahrung seine Schwester vor der Abfahrt noch instruiert: »Die ersten drei Tage sind schrecklich, da hat man Heimweh, aber ab dem vierten ist es toll.« Daraufhin habe ihre Tochter gefragt, ob sie mit dem vierten Tag einsteigen könnte, erzählt Dora lachend. Ihre Tochter hatte viel Spaß in Bad Sobernheim. Ihre beiden Söhne, 15 und 17, haben vor ein paar Jahren das Angebot erstmals genutzt.

Freunde »Nun stehe ich im Winter immer da und frage sie, wann sie reisen wollen«, sagt die 45-Jährige. Denn beide verabreden sich mit ihren Freunden. Der eine will mit den Jugendlichen aus Berlin reisen, der andere mit den Freunden aus Düsseldorf. Und ihre Handys haben sie oft griffbereit. »Ich habe ihnen erklärt, dass sie Bescheid geben sollen, wenn sie angekommen sind«, sagt Dora. An den blauen Häkchen sieht sie ja, ob ihre Nachrichten gelesen werden. »Zwischendurch haben sie diese Funktion herausgenommen, da habe ich ihnen gedroht, ihnen die Handys wegzunehmen, wenn sie nicht sofort die blauen Häkchen wieder aktivieren«, sagt sie vergnügt. Morgens schickt sie ihnen einen Guten-Morgen-Gruß. Nach ein paar Tagen fragt sie dann einmal nach, ob es ihnen gut geht. Ihre Jungs kommen mit wenigen Buchstaben aus: Yepp oder Ja reichen. Wenn die Mutter fragt, ob sie auch mit mehr Wörtern antworten können, kommen vier. »Es geht mir gut«, schreiben sie.

Israel »Mein Kommunikationsbedürfnis ist größer als das meiner Kinder«, meint sie selbstironisch. Wobei sie sich auch an andere Zeiten erinnert. Als ihr mittlerer Sohn 13 Jahre alt war, war er zusammen mit seinem Bruder in einem Camp in Israel. »Jeden Abend rief er heulend an. Schließlich schaltete sich ein Betreuer ein und meinte, wir sollten ihm klarmachen, dass wir ihn nicht abholen werden.« Da hätte sie erst einmal Luft holen müssen. Aber sie nahm den Rat an, und ihr Sohn konnte sich schließlich auf das Machane einlassen. Eine Superzeit sei es noch geworden.

Dann kamen die Zweifel wieder, als er zum ZWST-Ferienlager aufbrechen sollte. »Er hatte sich das vorher so gewünscht.« Nun stand er am Flughafen, wollte nicht mehr und heulte. Sie habe sich wie eine Rabenmutter gefühlt, dass er nun gegen seinen Willen reisen sollte. »Er kam glücklich wieder, und der Knoten war geplatzt.« Neulich rief er allerdings dann doch kurz von einem Camp aus an: »Kann ich den Pullover in den Trockner tun?«, wollte er von seiner Mutter wissen.

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