Frankfurt

Mehr als Gebete und Gebote

Lehrer diskutierten in der Lichtigfeld-Schule über den Religionsunterricht

18.05.2017 – von Barbara GoldbergBarbara Goldberg

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Eine jüdische Schule sollte für die Kinder ein zweites Zuhause sein, ein Ort der Wärme und Geborgenheit, der sie prägt und ihnen dabei hilft, eine eigene jüdische Identität zu entwickeln. »Und deshalb ist die Aus- und Weiterbildung jüdischer Lehrer so ungeheuer wichtig«, betonte Shila Erlbaum, Kultus- und Bildungsreferentin des Zentralrats, in ihrer Begrüßungsansprache.

Erlbaum war am Dienstag vergangener Woche eigens aus Berlin angereist, um an der Diskussion mit dem Titel »Zeiten des Umbruchs: Jüdische Religion – Wege der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens« in der Frankfurter Lichtigfeld-Schule teilzunehmen.

Dialog Bei dieser zweiten Veranstaltung in der Gesprächsreihe »Lichtigfeld-Schule im Dialog« standen Inhalte und Konzepte eines jüdischen Religionsunterrichts im Mittelpunkt, ein vor allem für diese Schule ungemein aktuelles Thema, steht sie doch gerade im Begriff, ihr Lehrangebot auf eine gymnasiale Oberstufe bis hin zur Abiturprüfung auszuweiten. Und dass man Schülern der Sekundarstufe II im Religionsunterricht mehr bieten und beibringen muss als das Kerzenzünden und die Brachot am Schabbat, was ja ohnehin bereits im Kindergarten eingeübt wird – darin zumindest waren sich alle Gäste auf dem Podium einig. Sonst traten an diesem Abend ganz unterschiedliche Vorstellungen zur Unterrichtsgestaltung zutage.

Gestritten wurde allerdings nicht. Auch wenn die gegensätzlichen Positionen der Diskutanten klar hervortraten, blieb deren Ton sachlich und verbindlich. Dass dieses Gespräch so angeregt und harmonisch verlief, war vor allem der souveränen Moderation durch Hanna Liss, Professorin für Bibel und Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, zu verdanken.

Am weitesten auseinander lagen sicherlich die Anschauungen von Daniel Krochmalnik und Frederek Musall, die zufällig auch an entgegengesetzten Tischenden saßen. Auch sie lehren als Professoren an der Heidelberger Hochschule. So setzte Krochmalnik darauf, den Schülern vor allem »Teilhabekompetenz« am jüdischen Leben zu vermitteln, das heißt also Kenntnisse der Kaschrut, des Kalenders, des Gottesdienstablaufs, der Tradition und Geschichte. Themen aus Gesellschaft und Politik seien hingegen seiner Meinung nach weitestgehend aus dem Religionsunterricht herauszuhalten.

Musall hielt dagegen, dass die Heranwachsenden insbesondere auch in diesem Fach »an gesellschaftliche Verantwortung heranzuführen« seien, und fragte: »Welchen Mehrwert können wir, basierend auf unserer jüdischen Ethik, in die Gesellschaft hineintragen?«

Überdies empfahl er eindringlich, die jüdischen Jugendlichen didaktisch auf die Debatten vorzubereiten, die ihnen wahrscheinlich von außen aufgezwungen würden, etwa zum Schächten oder zur Beschneidung, damit sie sich gegen etwaige Anfeindungen wappnen könnten. »Solange die AfD in einigen Landtagen sitzt, werden diese Themen aufgebracht werden.« Zustimmung erhielt Musall unter anderem von Shira Rademacher, der Leiterin der Religionsschule der Synagogen-Gemeinde Köln.

»Der Inhalt des Religionsunterrichts kann nicht nur in Gebets- und Gebotsunterweisung bestehen, und sein Ziel sollte nicht allein sein, observante Juden heranzubilden. Vielmehr müssen wir das Lehrangebot an der aktuellen Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ausrichten und diese vor allen Dingen zu Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und kritischer Reflexion erziehen.«

Themenauswahl De facto hat ein Religionslehrer, egal welcher Konfession, im Durchschnitt nicht mehr als 90 Minuten oder eine Doppelschulstunde pro Woche Zeit, um seinen Schülern die Grundzüge seines Glaubens zu vermitteln. Sollte man dennoch auch die anderen Konfessionen thematisieren? Auch diese Frage wurde von den Podiumsgästen ganz unterschiedlich beantwortet.

Wieder bezog Daniel Krochmalnik am entschiedensten Stellung: »Wir sind die älteste monotheistische Religion und daher in der komfortablen Lage, dass wir den Islam und das Christentum nicht brauchen, um uns selbst zu verstehen.« Im Übrigen sei es ihm wichtiger, dass seine Schüler »einmal eine Talmudseite sehen, als dass sie lernen, was ein gewisser Papst gegen die Juden gesagt hat«. Der eigene Glaube sei ja schon Herausforderung genug, schließlich behaupte er »Unglaubliches«, man denke nur an den Schöpfungsmythos oder die Auferstehung. »Wir müssen dafür Antworten parat haben, denn die Schüler werden uns darauf ansprechen«, zeigte er sich überzeugt.

Martin Steinecker, der jüdische Religion an einem staatlichen Gymnasium in Baden-Württemberg lehrt, entgegnete, er finde es spannend, einmal zusammen mit den Schülern herauszuarbeiten, aus wie vielen Stellen des Tanach die anderen Religionen sich bedient hätten, um daraus im »Copy & Paste«-Verfahren Versatzstücke für eigene Glaubenstexte zu verwenden. Überdies müsse der Religionsunterricht übergreifend darauf hinwirken, »alle Menschen zu stärken, die guten Willens sind«.

Curriculum Alexa Brum, die frühere Leiterin der Lichtigfeld-Schule, die als Zuhörerin im Publikum saß, wies auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: »Wie können wir jüdisches Wissen auch in anderen Fächern vermitteln, und wie viel Jüdischkeit sollte dort in die Gestaltung des Unterrichts einfließen?« Womit sie andeutete, ob nicht vielleicht eine jüdische Schule trotz staatlicher Anerkennung und landesweit verbindlicher Lehrpläne doch auch einem eigenen, inneren Curriculum folgt oder folgen sollte.

Ein weites Feld, das es in den Folgeveranstaltungen wohl noch zu bearbeiten gilt und das »so spannend und vielfältig ist, wie Religion nur sein kann«, resümierte Gastgeberin Noga Hartmann, die Leiterin der Lichtigfeld-Schule, in ihrem Schlusswort.

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